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Floh- und Zeckenmittel in Tabletten- oder Spot-on-Form sind für viele Hunde- und Katzenhalter inzwischen Routine. Sie schützen vor lästigen Parasiten – doch eine neue Studie legt nahe, dass ein Teil der Wirkstoffe über Wochen bis Monate im Kot der Tiere landet – mit möglichen Folgen für Insekten, die sich von Tierkot ernähren.
Keine Zeit, den ganzen Artikel zu lesen? Hier die wichtigste Botschaft: Sammle die Haufen deines Hundes auch ein, wenn er sie an vermeintlich „nicht störenden“ Stellen absetzt – der Kot könnte Insekten schaden. Entsorge ihn im Restmüll.
Untersucht wurden 4 Wirkstoffe aus der Gruppe der Isoxazoline: Fluralaner, Afoxolaner, Lotilaner und Sarolaner. Sie stecken in vielen gängigen Präparaten gegen Flöhe, Zecken und Milben. Diese Substanzen wirken, indem sie Nervenstrukturen von Insekten und Spinnentieren blockieren. Bekannt ist, dass Isoxazoline sehr lange im Körper bleiben: Die Halbwertszeiten im Blut können bei Hunden und Katzen bei 30 Tagen oder mehr liegen. Wie lange die Wirkstoffe über den Kot ausgeschieden werden, war bisher aber kaum untersucht.
Was die Forschenden gemacht haben
Für die Studie wurden 20 Hunde und 20 Katzen einbezogen, die den jeweiligen Wirkstoff als zugelassenes Präparat und in der empfohlenen Dosis erhielten. Die Tierhalter:innen sammelten anschließend über mehrere Monate hinweg regelmäßig Kotproben ihrer Vierbeiner.
Im Labor wurden diese Proben mittels moderner Analytik (LC‑MS/MS) auf Rückstände der 4 Isoxazoline untersucht. Aus den Messwerten berechneten die Forschenden, wie lange es dauert, bis die Kotkonzentrationen ungefähr halbiert sind (eliminatorische Halbwertszeit) und bis zu welchem Tag nach der Behandlung noch Wirkstoff nachweisbar blieb.
Die Ergebnisse waren deutlich:
Hunde
Fluralaner: Nachweisbar bis Tag 114, Halbwertszeit ca. 23 Tage
Lotilaner: Nachweisbar bis Tag 204, Halbwertszeit ca. 25 Tage
Afoxolaner: Nachweisbar bis Tag 34, Halbwertszeit ca. 20 Tage
Sarolaner: Nachweisbar bis Tag 83, Halbwertszeit ca. 17 Tage
Katzen
Fluralaner: Nachweisbar bis Tag 128, Halbwertszeit ca. 16 Tage
Lotilaner: Nachweisbar bis Tag 156, Halbwertszeit ca. 22 Tage
Für Afoxolaner und Sarolaner waren die Konzentrationen im Katzenkot so niedrig, dass sie mit der eingesetzten Methode kaum sicher zu erfassen waren.
Risiko für Kot-fressende Insekten?
Viele Insektenarten nutzen Kot von Säugetieren als Nahrungsquelle – etwa Dungkäfer, andere Käferlarven oder bestimmte Fliegenarten. Gelangen wirksame Insektizide in diesen Kot, können auch diese „Nicht-Zielorganismen“ betroffen sein. Um dieses Risiko abzuschätzen, kombinierten die Forschenden ihre Ausscheidungsdaten mit vorhandenen Toxizitätsdaten aus Insektenversuchen und nutzten nahmen Modellrechnungen vor. Sie fragten: Mit welcher Wahrscheinlichkeit würde ein Mistkäfer, der Kot eines behandelten Hundes oder einer Katze frisst, eine für Insekten schädliche Dosis aufnehmen?
Für Fluralaner und Lotilaner besteht ein hohes theoretisches Risiko, dass ein großer Teil der betroffenen Dung-Insekten Konzentrationen ausgesetzt ist, die im Laborversuch für Insekten tödlich sein können.
Afoxolaner und Sarolaner scheinen weniger problematisch, zeigen aber je nach Vergleichswert (akute Toxizität vs. sehr vorsichtig gewählte „Sicherheitskonzentration“) ebenfalls ein relevantes Belastungspotenzial.
Wird statt der akuten Giftigkeit eine strenge „Keine-Wirkung-Schwelle“ (PNEC) angesetzt, sind theoretisch fast alle Dung-Insekten, die Kot behandelter Tiere fressen, potenziell betroffen.
Wichtig: Die Studie zeigt ein Risiko auf Basis von Labor- und Modellrechnungen. Sie beweist noch nicht, dass Dung-Insekten in freier Wildbahn derzeit tatsächlich stark zurückgehen, weil Hunde und Katzen Isoxazolin-Präparate bekommen. Genau dazu fehlen bisher Feldstudien.
Was bedeutet das Ergebnis?
Die Autorinnen und Autoren der Studie ziehen 2 Hauptschlüsse:
1. Umweltwirkung stärker berücksichtigen
Isoxazoline werden zunehmend routinemäßig eingesetzt. Sie werden über längere Zeiträume als wirksame Substanzen mit dem Kot ausgeschieden und können so in Boden- und gegebenenfalls Gewässersysteme gelangen. Bisher sind Umweltrisiken für Haustier-Parasitizide im Zulassungsprozess nur sehr begrenzt berücksichtigt.
2. Kot einsammeln ist auch Naturschutz
In der Fachinformation (SPC) der Präparate sollte aus Sicht der Forschenden klarer auf die lange Ausscheidungsdauer und mögliche Umweltwirkungen hingewiesen werden. Als mögliche Vorsichtsmaßnahme schlagen sie vor, Hundekot während des gesamten Wirkzeitraums konsequent einzusammeln und – etwa über den Restmüll – zu entsorgen. Das gilt insbesondere in sensiblen Naturräumen mit hoher Insektendichte.
Für Tierhalter bedeutet das nicht, auf Parasitenkontrolle zu verzichten – Flöhe, Zecken und Milben sind selbst ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko. Die Studie macht aber deutlich: Wie wir Parasitenmittel einsetzen und wie wir mit den Hinterlassenschaften unserer Haustiere umgehen, kann auch Auswirkungen auf Insekten und damit auf Ökosysteme haben. Ein bewussterer Umgang – im Zweifel auch ein Gespräch mit der Tierarztpraxis über Behandlungsintervalle und Alternativen – ist daher sinnvoll.
Die auf Englisch veröffentlichte Studie kannst du hier nachlesen.
