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Eigenwilliger Charmeur aus Frankreich
Ginge ein Berger de Picardie – ausgesprochen „Berschee de Picardie“ – zur Karriereberatung, stünde „Filmhund“ bei den Jobvorschlägen wohl ziemlich weit unten. Doch es gibt Ausnahmen: So ist Rüde Torsten in der Netflix-Komödie „Eat Pray Bark“ ein Picard und auch „Ludwig“ aus den Eberhofer Krimis gehörte zu dieser Rasse. Erfahre hier mehr über die französischen Hütehunde mit dem verwegenen Look!
Der Berger de Picardie, auch Berger Picard oder kurz Picard genannt, stammt aus Nordfrankreich. Picards wurden ursprünglich als Hüte- und Hirtenhunde eingesetzt – und viele ihrer Eigenschaften erinnern bis heute daran. Zumindest auf dem Papier prädestinieren ihre Eigenschaften die Hunde eher nicht für die Arbeit an Filmsets. Sie sind zwar sehr liebenswürdig und sehr charmant, machen aber auch gern ihr eigenes Ding. Manche Menschen glauben, sie seien dickköpfig oder stur. Wir wollen es anders ausdrücken: Picards bringen einen gewissen Eigenwillen mit. Sie überlegen und hinterfragen, worum sie gebeten werden.
Selbstständig mit eigenem Kopf
Für den Alltag mit einem Berger de Picardie bedeutet das: Ist er motiviert, wird er eine Aufgabe ein paar Mal mit Lust und gut erfüllen. Danach lässt er seinen Zweibeiner wahrscheinlich wissen, dass es jetzt auch wieder gut ist. Die Selbstständigkeit können unter Umständen bereits Welpen an den Tag legen. Wenn sie sich z. B. auf einem Spaziergang für etwas interessieren, wollen sie sich damit auseinandersetzen – selbst wenn der Mensch und etwaige weitere Hunde weitergehen. Mit der Gruppe mittrotten? Ne!
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Berger de Picardie erziehen
Die Selbstständigkeit und der eigene Kopf gepaart mit viel Charme machen gerade die Grundausbildung eines Picards zur Herausforderung. Sie erfordert neben Konsequenz und Beharrlichkeit auch Geduld, Flexibilität und Humor.
Hat ein Picard keine Lust, eine Übung mitzumachen, hilft auch kein Leckerli. Selbst wenn du mit einem Steak winken würdest, stünden bei so manchem Rassevertreter die Erfolgschancen gering. Foto: Petra Eckerl/stock.adobe
Was bei anderen Hunden auch sinnvoll ist, ist bei Picards eher Pflicht: Genau zu wissen, welche Belohnungen wie hoch im Kurs stehen. Immer wieder gleich belohnt zu werden, finden die Freigeister langweilig. Statt kulinarischer Bestätigung kommt je nach Trainingsort vielleicht ein Bad im nahegelegenen Wasser besser an. Bei der Wahl sind also der Grips und die Aufmerksamkeit des Zweibeiners besonders gefordert.
Das Hüten im Blut
In Frankreich arbeiten auch heute noch Picards als Hirtenhunde. Die über lange Zeit geförderten Anlagen der Rasse können selbst in Hunden, in deren Alltag Schafe keine Rolle spielen, noch tief drinstecken: Die meisten Picards bringen Hütetrieb mit. Wichtig ist, solche Anlagen früh zu erkennen und sinnvoll zu lenken – etwa durch klare Regeln, passende Beschäftigung und ruhiges Training. Körperliche Auslastung allein wird einem Picard nicht gerecht, auch das Köpfchen will gefördert werden.
Picards sind aufmerksame Beobachter
Für Picards ist es wichtig, viel mit ihnen unter Leute zu gehen und eine gute Welpengruppe zu besuchen. Die meisten Vertreter sind nämlich von sich aus eher zurückhaltend. Würden sie kaum etwas kennenlernen, kämen sie später mit der Welt nicht gut zurecht. Und die – zusammen mit den kleinsten Veränderungen am Status quo – haben die Franzosen eh schon genau im Blick. Denn ihre natürliche Wachsamkeit geht mit einer guten Beobachtungsgabe einher.
Hat sich in der Umgebung der gewohnten Spazierrunde etwas verändert, kann das schon mal Ungunst auslösen. Gerade jungen Hunden müssen ihre Halterinnen und Halter dann zeigen, dass das Gewohnte zwar anders aussieht, aber trotzdem alles okay ist. Ein Picard wird außerdem für gewöhnlich nicht automatisch fröhlich auf Fremde zurennen und sie direkt als Freunde betrachten.
Beschäftigung: Ein Näschen für Nasenarbeit
Gut sozialisiert und erzogen können die energischen, sportlichen, mittelgroßen Hunde mit ihren Menschen an vielen Beschäftigungen Spaß haben. Joggen, Mitlaufen am Pferd und Agility kommen z. B. infrage. Einige sind auch im Mantrailing aktiv oder arbeiten als Rettungshunde, denn Nasenarbeit liegt vielen Picards sehr. Foto: tmart_foto/stock.adobe
Natürlich handelt es sich aber auch bei Picards um Individuen. Die einen arbeiten sehr gern, die anderen machen vielleicht eher aus Liebe zu ihren Menschen mit.
Für sie gilt eben das gleiche wie für alle anderen Hunde: Während sich durchaus häufige Wesenszüge beschreiben lassen, hat doch jeder auch seine eigenen Vorlieben.
Der Picard und die Gesundheit
Ein Blick in die Welpenstatistik des VDH verrät: In den vergangenen 14 Jahren wurden immer deutlich unter 100 Welpen gemeldet. Das Maximum lag bei 77 gemeldeten Welpen im Jahr 2021. Der Genpool ist recht klein, was Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann. Beim Picard können genetisch bedingte Augenerkrankungen vorkommen: die Progessive Retina-Atrophie (PRA) und die Retina-Dysplasie (RD).
Glücklicherweise scheinen die Krankheiten unter Picards aber nicht weit verbreitet zu sein. Züchter:innen, die zum Club für französische Hirtenhunde (cfh) gehören, müssen Tiere, die zur Zucht eingesetzt werden sollen, entsprechend untersuchen lassen. Auch nach der Zulassung sind Augenuntersuchungen regelmäßig zu wiederholen. Außerdem haben Zücher:innen Zugang zu einer Datenbank, mit deren Infos sich populationsgenetische Werte ermitteln lassen – es geht darum, ungünstige Verpaarungen zu vermeiden.
Passt ein Berger de Picardie zu mir?
Ein Berger de Picardie kann ein wunderbarer Begleiter für Menschen sein, die Freude an eigenständigen, wachsamen und aktiven Hunden haben. Du solltest Geduld, Humor und Konsequenz mitbringen – und damit leben können, dass dein Hund Dinge auch mal hinterfragt. Foto: Dogs/stock.adobe
Suchst du einen leichtführigen Begleiter, der immer sofort macht, worum du ihn bittest, wirst du mit einem Picard vermutlich eher nicht glücklich werden. Schätzt du aber einen charakterstarken Hund mit viel Charme und Persönlichkeit, könntest du in ihm einen besonderen Partner finden.
Übrigens: Viele Hundeschulen bieten – oft sogar gratis – Beratungen für Menschen an, die einen Hund haben möchten. Dabei wird besprochen, was man selbst erwartet und dem Hund bieten kann und welche Hundetypen dazu passen könnten.
