01/09/2017 

Man nehme: 21 Kilometer Wanderstrecke, würze diese mit 1.000 Höhenmetern, gebe eine unermüdliche Husky-Dame dazu und besprühe alles großzügig mit Regenwasser. Und schon sind sie fertig, das Hochgefühl und der frische Blick auf die kleinen Freuden des Lebens.

Lang bevor der Wecker um halb sechs morgens klingelt, liege ich wach im Wohnmobil. Bei dem Regen, der sanft, aber hartnäckig aufs Dach prasselt, ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Ab und zu dringen dazu Gebell und halb geflüsterte, halb gerufene Gesprächsfetzen ins Fahrzeuginnere. Auf dem Campingplatz in Grainau ist schon ganz schön was los.

An diesem Wochenende steht ein Teil des Geländes im Zeichen des Zugspitz Dogtrekkings, also des Weitwanderns mit Hund im Wettersteingebirge, zu dem auch die Zugspitze gehört. Aus ganz Deutschland und auch aus Österreich sind sportliche Hundefreunde angereist, um mit ihren Vierbeinern einen von vier Trails in Angriff zu nehmen. Der wohl anstrengendste schlägt mit mehr als 67 Kilometern und 5.400 Höhenmetern zu Buche.

Eine gesunde Selbsteinschätzung sei wichtig, um bei dem Event Spaß zu haben, heißt es online. Beim Gedanken an 5.400 Höhenmeter löst meine Selbsteinschätzung verzweifelt Alarm aus. Als Gelegenheitswanderer bewege ich mich auf der Bambini-Strecke – mit rund 21 Kilometern und mehr als 1.000 Höhenmetern – gerade im Rahmen des Möglichen. Gemeinsam mit meinen Gastgebern, Beate und Berthold Nell, und drei ihrer Huskys geht es heute in die Berge.

Beate und Berthold stehen für die Wanderung ausgerüstet mit ihren Huskys Lupo, Luna und Maya auf einem Waldweg.
Ein Wasserfall fließt durch grüne, bewaldete Berghänge und verschwindet teilweise im dichten Nebel.
Auf dem steinigen Weg nach oben ist Berthold in Regenbekleidung und roter Mütze von hinten zu sehen. Links von ihm ist Lunas Kopf sichtbar.
Blick von außen durch eine geöffnete Wohnmobiltür: 2 Hunde (slowakische Rauhbärte) schauen interessiert nach draußen.

Dogtrekking Ausrüstung: Kleider machen Läufer

Maya, ihr Bruder Lupo und Nesthäkchen Luna werden langsam in ihren Boxen munter. In typischer Husky-Manier grummeln und schnaufen sie, bis wir die drei aus dem Wohnmobil lassen. Nach dem Morgenspaziergang und Frühstück sind die Hunde bereit für jedes Abenteuer. Wir Menschen brauchen ein bisschen länger.

Nebel zieht durch einen dichten Wald aus dunklen Tannen und schafft eine mystische, geheimnisvolle Atmosphäre.
Blick von einem bewaldeten Berghang auf ein Tal mit einer Stadt im Hintergrund und leichten Nebelschwaden.
Zwei Hunde laufen angeleint über Felsen an einem Bach; eine Person hält die Leinen am Rand des Bildes.
Zwei Menschen wandern mit ihren Huskys an der Leine auf einem felsigen Bergpfad durch grüne Landschaft.
Zwei Huskys stehen in einer Seilbahngondel, eine Person mit Rucksack blickt aus dem Fenster.
Vier Wanderschuhe stehen zum Lüften auf dem Kies neben einem offenen Auto bei sonnigem Wetter.

Bevor es losgehen kann, müssen wir uns in Funktionsshirts, Wanderhosen, wasserdichtes Schuhwerk und Regenjacken einpacken. Die Rucksäcke bekommen ein Müllsack-Regencape. Das Wetter mag schlecht sein, aber unsere Stimmung ist gut. Der Satz „Du kommst nirgends an, wenn du nur an sonnigen Tagen gehst“ könnte von uns stammen.

Während Berthold und Beate den Huskys die Zuggeschirre anlegen, steige ich in mein eigenes Geschirr – den Trekkinggürtel. Ein Gurt führt um Hüfte und Bauch, zwei dünnere umschließen die Oberschenkel. Vor dem Bauch wird die Zugleine mit Rückdämpfer in einen Paniksnap gehakt. Mit diesem lässt sich die Verbindung zum Hund in Sekundenschnelle lösen.

Meine Partnerin für den Tag ist die gut einjährige Luna. Unsere Gemeinsamkeit: keine Ahnung, was genau auf uns
zukommt, dafür aber umso mehr Enthusiasmus, loszulegen. Von der Sekunde an, in der sich der Paniksnap um Lunas Leine schließt, stehen wir unter Strom. Luna weiß genau, dass sie gleich ziehen darf.

Hinterm Supermarkt geht’s weiter

Los geht’s: runter vom Campingplatz, über die Straße, läuft prima … bis Berthold einfällt: „Wir haben das Start-Foto vergessen!“ Also: Umdrehen, zurück und Start-Selfie schießen. Wir müssen uns an- und später wieder abmelden. So lässt sich nachvollziehen, wer überhaupt unterwegs ist.

Um 7:17 starten wir ganz offiziell noch mal. Berthold geht mit Lupo voraus, Beate folgt mit Maya. Zielstrebig lässt unsere Sechsergruppe das letzte Aushängeschild der Zivilisation hinter sich – ein gelb leuchtendes  Supermarktschild. Jetzt haben wir die Berge im Blick, die vor uns in den Himmel ragen. Wenn sie nicht gerade hinter tief hängenden Wolken verschwinden. Oder beschlagene, nasse Brillengläser die Sicht beschränken.

Flott marschieren wir den Asphaltweg entlang, der uns in den Wald und zur ersten Steigung führt. Als Flachlandschwabe komme ich trotz Vierpfoten-Düsenantrieb ins Schwitzen. Ab und an schnaufe ich Luna ein „Langsam“ zu. Das wird sie heute noch des Öfteren hören, genauso wie „Luna warte“ oder „Luna halt“, wenn sie schon um eine Kurve geflitzt ist und ich zwei Meter unterhalb noch in die andere Richtung stapfe. Ich brauche
eine Weile, um mich darauf einzustellen: Mit Hund bin ich schneller unterwegs als sonst. Es strengt aber auch an, gezogen zu werden.

Das Gelände wird bald steiniger und kurviger. Auf dem rutschigen Untergrund müssen wir uns konzentrieren, um senkrecht zu bleiben. Maya wirft einen Blick über den Wegrand. Einige Meter tiefer sprudelt ein Wildbach ins Tal. Beate lotst die Hündin zurück. Als sich der Nebel kurz verzieht, sehen wir links von uns Wasser wie in Zeitlupe an den senkrechten Felsen hinabstürzen. Ein majestätischer Anblick.

Mit Hund durch die Höllentalklamm

Das Gefühl verstärkt sich in der Höllentalklamm. In dieser Welt aus Stein und Wasser rauscht, tost und dröhnt der Hammersbach. Wir sechs Gefährten sind schnurstracks nach Mittelerde gelaufen. Es tropft von oben, sprüht von der Seite und schwappt um die Schuhe. Meine Funktionskleidung kapituliert – ich nicht.

Der Weg führt durch teils stockdunkle Stollen. Luna verschwindet, obwohl sie nur zwei Meter vor mir läuft. Ich verlasse mich komplett auf die Hündin, die unbeirrt weiterstrebt. Auch auf den regennassen Stegen zuckt sie mit keiner Wimper. Anders als Lupo, der doch gehörig Respekt vor dieser Umgebung hat.

An der Höllentalangerhütte

Nach einigen Zickzack-Steigungen erreichen wir die Höllentalangerhütte auf 1.387 Metern. Ihr Trockenraum zieht Beate und mich magisch an. Die Hunde fläzen sich auf dem Boden neben den Holzbänken. Heizung, Mittagessen und Trinken? Ja bitte! Noch nie war eine Erbsensuppe so lecker.

Frisch gestärkt treten wir den nächsten Streckenabschnitt an. Runter und rauf auf schmalen Pfaden, immer am Abgrund entlang. Jeder Schritt muss sitzen. Rauf ist anstrengender, runter schwieriger. Der Wind pfeift uns
um die Ohren. Aus den trüben Wolken dringt das Klingeln von Kuhglocken.

Dogtrekking: Talwärts

Stufe reiht sich an Stufe, Stein folgt Stein. Meine Verschnaufpausen werden häufiger. Ich bin froh, als die  Bergstation der Alpspitzbahn auf 2.033 Metern Höhe in Sichtweite kommt. Beate und ich beschließen, ins Tal zu schweben und von dort zum Campingplatz zu laufen. Berthold geht mit Lupo weiter. Das dynamische Duo wird sogar noch einen Abstecher auf eine Schneefläche machen und im Sonnenschein laufen.

Nach rund sieben Stunden kehren wir zum Wohnmobil zurück. Ich bin stolz darauf, was Luna und ich geleistet haben. Genau das ist es auch, was Bernd Spring, den Organisator des Einladungslaufs, am Dogtrekking
fasziniert: „Wie du als Team zusammenwächst, weil du die ganzen Herausforderungen gemeinsam machst.“