Welpe: Erziehung ist gleich Beziehung

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Zuhause?! Freizeit oder Arbeit?

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3. Heimischer Bereich

Hunde sind Weltmeister im Beobachten ihrer Menschen. Deshalb passieren gerade zu Hause die häufigsten Fehler. Denn man hat ja jetzt „Freizeit“ und ist nicht „bei der Arbeit“ mit dem Hund. Doch genau da liegt das Problem: Der Hund unterscheidet das nicht. „Stellen Sie sich vor, Sie üben mit der Schleppleine nur draußen. Zu Hause darf der Welpe dagegen ungehindert im Garten herumrennen. Er wird sehr schnell lernen, dass er daheim nicht auf einen Rückruf reagieren muss. Es ist ja keine Schleppleine da, also hat er keine Konsequenzen zu befürchten. Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie sich der Mensch selbst unglaubwürdig macht. Der Hund weiß, dass es keine allgemein gültigen Regeln gibt.“ Spinnt man diesen Gedanken weiter, wird sich der kleine Hund, der alleine im Garten unterwegs ist, auch irgendwann als Hüter dieses Grundstücks begreifen. Da ihm keiner das Gegenteil sagt, wird er hier mal die Lage am Zaun abchecken und da mal einen Passanten ankläffen oder den Besuch verbellen. Lässt man ihn gewähren, wird der erwachsene Hund sich immer für alles zuständig fühlen – und auch an der Leine zum Pöbler werden. „Leinenaggression ist ein typisches Symptom dafür, wenn zu Hause etwas schiefläuft“, erklärt Friedrich. „Der Hund fühlt sich in der Verantwortung, ist aber nicht in der Lage, diese komplett zu übernehmen.“ Deshalb sollte dem Welpen von Anfang an klar sein, dass der heimische Bereich zum Erholen da ist. „Parken“ Sie Ihren Kleinen deshalb nicht alleine im Garten, sondern bleiben Sie bei ihm. Gehen Sie auch wieder gemeinsam nach drinnen. „Vielen Haltern ist gar nicht bewusst, welch unerwünschte Dinge das Hundekind draußen ausloten kann. Abgesehen vom territorialen Verhalten kann auch die jagdliche Passion ordentlich gefördert werden. Schließlich macht es unglaublich Spaß, Vögel oder Schmetterlinge zu jagen oder Mäuse auszubuddeln.“

Doch wie lernt der kleine Hund nun, dass zu Hause sein Entspannung bedeutet? „Indem wir ihm beibringen, dass er nicht der Mittelpunkt der Welt ist“, weiß Friedrich. Gerade beim Hundekind, das man am liebsten rund um die Uhr knuddeln würde, fällt das extrem schwer. Doch zum Wohle Ihres Hundes sollten Sie auch mal bewusst von ihm ablassen. Denn wenn Sie ihm zu Hause Ihre komplette Aufmerksamkeit schenken, bekommt er dort alles, was er braucht: Streicheleinheiten, Spiele, Futter. Geht es dann raus, wird er machen, was er will und Sie nicht mehr beachten. Draußen sind jetzt andere Dinge interessanter, und Sie schenken ihm Ihre Beachtung schließlich auch drinnen. Viel besser ist es, sich daheim rar zu machen und dafür draußen umso mehr mit dem Hund zu kommunizieren und ihn zu belohnen, wenn etwas gut klappt. Das macht den Menschen auch draußen wieder interessant.

Daheim hingegen muss der Welpe wissen, dass er auch mal nicht dran ist. Sonst kann beispielsweise ein einfacher Restaurantbesuch zu einer echten Zerreißprobe werden. Schließlich ist der Welpe es gewohnt, dass man sich andauernd mit ihm beschäftigt. Und jetzt soll er plötzlich still liegen bleiben, und dann auch noch an der Leine? Folge: Man lässt den Hund zu Hause. Aber selbst das will nicht so richtig klappen, denn das Alleinbleiben findet der Kleine auch nicht gut. Warum auch, er wird ja sonst auch dauerhaft bespaßt.

Übung: Jetzt ist Pause

Friedrich rät: „Üben Sie schon sehr früh das ritualisierte Sitzen zu Hause, gerne auch während des Essens. Dazu ist der Hund an der kurzen Leine, Sie fixieren die Leine mit dem Fuß. So hat der Hund nur einen sehr kleinen Aktionsradius. Das wird ihn irgendwann nerven und er legt sich hin. So lernt er, dass er gerade nicht dran ist.“ Beim Junghund kann man das gleiche Prozedere mit der Decke üben. Sobald er auf diesen Platz geschickt wird, ist für ihn Pause. Erst wenn Sie ihn rufen, ist er wieder dran. Wenn Sie das regelmäßig üben, ist das für ihn keine Strafe, sondern etwas Alltägliches. Deshalb wird es auch keine Probleme geben, wenn er auf der Decke bleiben soll, zum Beispiel wenn Besuch kommt. Üben Sie auch das Anbinden von Klein auf jeden Tag zu Hause, sodass der Welpe nicht mehr auf Schritt und Tritt mitlaufen kann. So geben Sie ihm die Sicherheit, dass das alleine bleiben oder alleine schlafen gar nicht schlimm ist. Dann wird er es auch tolerieren, wenn er beispielsweise mal kurz vorm Bäcker warten muss. Das Wichtigste ist, dass der Hund den Halter daheim authentisch kennenlernt. Und dazu gehören Rituale, sowohl was das „Pause haben“ als auch die Beschäftigung und das Spiel angeht.

4. Formelle Ausbildung

Nun zu den Dingen, die den Haltern in der Regel am wichtigsten sind: Kommandos wie Sitz, Platz oder der Rückruf. Auch diese formellen Inhalte der Ausbildung sind untrennbar mit den vorherigen Säulen verbunden. Denn wenn der Hund zu Hause macht, was er will oder unter- beziehungsweise überfordert ist, kann sich die Beziehung zum Menschen nicht richtig entwickeln. Wenn der Hund zum Beispiel zu Hause die gesamte Verantwortung innehat, wird er kaum auf einen Rückruf draußen reagieren. Warum auch, der Mensch bekommt es ja nicht mal daheim auf die Reihe. Dabei kann man Grundlagen schon über die Auslastung trainieren. Friedrich: „Je nachdem, was ich mit dem Hund mache, lernt er, dass er sich zurückhalten soll, dass er warten muss, bis ich sage, wann es losgeht und vieles mehr. Dadurch lernt der Hund den Menschen als cooles, souveränes Wesen, als Autorität kennen. Wenn das passt, kann ich die formellen Inhalte viel einfacher vermitteln.“ Bevor die Beziehung nicht stimmt, ist es daher wenig sinnvoll, die Formalien mit dem Welpen zu pauken – ein gängiger Fehler bei vielen Neuhundebesitzern. Denn in erster Linie geht es um Bindung, Vertrauen, Sicherheit. Dann klappt die formelle Ausbildung an sich viel besser.

Text: Alexandra Dick

Ken Knabe

... führt seit 1992 Retriever, Hundeausbildung ist sein Hobby. Der Diplom-Politologe hat nach einem Tageszeitungsvolontariat für eine große Kinozeitschrift in Hamburg gearbeitet, ehe er sich auch beruflich Hunden widmete.