Sprechstunde mit Hunde-Erziehungsexpertin Christine Holst

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Whippet hat Angst in eigener Wohnung

Liebe Frau Holst,

ich bin verzweifelt. Mit acht Wochen bekam ich meinen mittlerweile 5,5 Jahre alten Whippetrüden. Er ist den ganzen Tag mit mir unterwegs (auch auf der Arbeit). Vor zwei Jahren an Silvester fing es an: Er war über Stunden nicht zu beruhigen, zitterte und hechelte wie wahnsinnig. Dann ging das Ganze auch noch bei Gewitter los – dann wenn es nur regnete...

Und seit einer Woche zeigt sich Folgendes: Den ganzen Tag über, wenn wir unterwegs sind, ist er normal, doch kaum kommen wir nach Hause fängt er an zu zittern, hechelt, wird heiß.

Er nimmt vor lauter Stress immer mehr ab. Kommt auch nicht mehr zu mir ins Bett und möchte aus der Wohnung raus. Was glauben Sie, was ich grübele...es ist nichts passiert in der Wohnung! Mir geht es gut - man überlegt ja auch, was der Hund von einem selbst aufnimmt.


(Vor 3 Jahren hatte ich eine schwere OP und war 10 Tage im Krankenhaus - danach hat er im Schlaf ca. 2 Monate den Urin verloren, ich habe ihm Windeln angezogen - die Tierärztin hat kein physisches Problem finden können - ich schob es auf meine Krankheit, die er wahrscheinlich spürte. Über die Jahre war es immer wieder einmal, dass er nachts in die Wohnung pieselt aus unerklärlichen Gründen.)

Nun habe ich Psychopharmaka von meiner Tierärztin geholt, das soll ich 1 Monat mal geben. Pablo bekommt das Medikament „Selgian“ 10 mg (ein Dopaminpräparat) seit 6 Tagen. Jetzt zittert er nicht mehr so stark wenn wir nach Hause kommen, ist aber sehr verhalten! Nimmt nur, wenn überhaupt, Leckerlis an. Vorher haben wir Relaxan gegeben - hat nichts gebracht, ist ja auch nur ein Futterergänzungsmittel. Homöopathie auch schon probiert, ohne Erfolg.

Sein Charakter generell: er wirkt eigentlich nie ganz entspannt, läuft sofort hinter mir her wenn ich aufstehe, wehrt sich z.B. auch nicht gegenüber anderen Hunden, sogar nicht gegen Welpen, die mit ihm spielen wollen und mal zukneifen. Er fiepst dann, bleibt stehen, dann muss ich ihn retten! Ich bin mit Hunden groß geworden, auch mit Windhunden, hatte oft schwierige Rassen (Husky, Rottweiler.) Aber so etwas kenne ich nicht und bis jetzt konnte mir keiner helfen.

Ich hoffe, dass Sie mir einen Tipp geben können!!!


(PS: Ich lebe alleine, meine Kinder sind 25 und 21 Jahre alt - wir haben seit drei Jahren noch eine Katze, die meinen Hund total liebt, er sie aber links liegen lässt)

Katja M. mit Whippet Pablo (fünf Jahre alt)

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Unsere Expertin: Psychopharmaka nur begleitend zur Verhaltenstherapie

Aus der Distanz heraus ist es im Grunde unmöglich, die Ursache für Pablos Verhalten zu  entschlüsseln. Hier ist wirklich ein kompetenter Hundetrainer vor Ort gefragt. Das heißt, der Trainer sollte Sie zu Hause besuchen und Sie und Pablo in der von Ihnen geschilderten Situation erleben. Um ein fundiertes Urteil bilden zu können, wäre ein Hausbesuch vermutlich unerlässlich.

Hund und Mensch sind möglicherweise in eine Negativspirale geraten

Auf Basis Ihrer Angaben kann ich mich der Problematik nur annähern. Ich könnte mir vorstellen, dass bei dem ersten Auftreten der Stresssymptome an Silvester vor zwei Jahren Ihre Reaktion respektive der Umgang mit Pablo – und war es nur das kleinste Signal – ihn bestärkt hat. Nur so kann ich mir die Steigerung und die am Ende negative Verknüpfung mit der Wohnung erklären. Oft ist dies ein schleichender Prozess, in dem Mensch und Hund in eine Negativspirale geraten. Und diese kann meist leider ohne Hilfe von Außen nicht gestoppt und ins Positive gedreht werden.

Hundetrainer soll sich umfassendes Bild von Pablo machen

Ferner sollte der Trainer auch Einblick in all die anderen Situationen, d. h. auch die Hundebegegnungen erhalten. Nur so lässt sich ein umfassendes Bild erschließen. Mag sein, dass Pablo durch Ihre „rettende“ Hilfestellung zu viel Aufmerksamkeit erhält. Jedenfalls scheint es mir, als sei Ihr Hund von der Persönlichkeit eher der B-Typ. Dieser Typ ist in der Tendenz zurückhaltend, scheu, beobachtend, nimmt sich in unklaren Situationen lieber raus und beobachtet aus sicherer Entfernung. Sein Stresssystem wird durch das Cortisol beeinflusst. Sollte sich dies bestätigen, könnte eine Untersuchung des Cortisolspiegels Sinn machen. Diese nimmt der Tierarzt vor.

Psychopharmaka können versteckte Aggressionen wecken

Bezüglich der aktuellen Gabe von Psychopharmaka, in Ihrem Fall das Mittel Selgian, möchte ich Folgendes anmerken: Laut Herstellerangaben wird dieses Medikament bei „Verhaltensstörungen mit emotionalem Ursprung“ angewendet. Es wird aber darauf hingewiesen, dass die Anwendung nur in Verbindung mit einer Verhaltenstherapie erfolgen sollte. Laut Herstellerangaben können durch das Medikament auch verdeckte Aggressionen aufbrechen – eine verhaltenstherapeutische Begleitung ist also dringend anzuraten. Allein kann diese Pille ein Verhaltensproblem nicht lösen - eben wie all die anderen Psychopharmaka auch nur unterstützend und Therapie begleitend helfen können.

Tellington-Touch kann beruhigend wirken

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Epilepsie beim Hund oder ein Hirntumor die Ursache für Pablos Verhalten sind. In einem schwierigen Fall wie diesem würde ich empfehlen, eine zweite tierärztliche Meinung einzuholen. Dies gilt auch für die Homöopathie. Meine langjährige Erfahrung hat bisher in der Zusammenarbeit mit anerkannten Heilpraktikern gerade in solchen Fällen unterstützend zum Verhaltenstraining gute Erfolge erzielt.

Ein ganz anderer Ansatz in der geschilderten Stress-Situation könnte auch der Tellington-Touch sein. Es wirkt nicht nur sehr beruhigend, sondern intensiviert zugleich die Bindung. Einen sehr aufschlussreichen Artikel zum Thema Silvesterangst hat PD Dr. Udo Gansloßer hier verfasst. Hier wird auch das Thema Angst und Psychopharmaka besprochen.

Ich wünsche Ihnen und Pablo gute Helfer an ihre Seite und hoffentlich baldige Besserung!

Ihre Christine Holst

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