Jagdhunde-Training für Nichtjäger

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Jagdinstinkte liegen unseren Hunden im Blut: Sie lassen sich dauerhaft weder abtrainieren noch unterdrücken. Doch ein Hund, der unkontrollierbar seiner Jagdlust frönt, wird schnell zur Gefahr für sich und seine Umwelt. Jagdhundecoach Anjela Daedler möchte Hundehaltern Mut machen. Sie weiß: Um einen jagenden Hund zu einem zuverlässigen Begleiter zu machen, sind oft Zeit, Engagement und kompetente Unterstützung notwendig. Doch die Mühe lohnt sich!

Für die Halter von jagdambitionierten Hunden wird der tägliche Spaziergang oft zum Spießrutenlauf. Sobald der verführerische Duft von Wild an die Nase des Vierbeiners dringt, verabschiedetet er sich zum fröhlichen Halali und lässt seinen Besitzer hilflos zurück. Entspannte Ausflüge sind so kaum noch möglich, denn potenzielle Beute gibt es überall: im Wald, im Feld, sogar in der Stadt tummeln sich Kaninchen & Co. Ein jagender Hund bedeutet massiven Stress für heimische Wildtiere – und kann sie im schlimmsten Fall sogar zu Tode hetzen. Und wie schnell gelangt der Hund in seinem Jagdeifer auf eine befahrene Straße! Dort bringt er nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch Menschen in Gefahr.

Das Fatale: Hat der jagdambitionierte Vierbeiner erst ein Erfolgserlebnis gehabt – und das muss nicht einmal ein erlegtes Kaninchen sein, schon die abenteuerliche Jagd kann eine Bestätigung sein – wird er es immer wieder versuchen. Oft weiß sich der verzweifelte Hundehalter nicht anders zu helfen, als den Hund grundsätzlich nicht mehr von der Leine zu lassen. Aber ist das ein Hundeleben, wie man es sich für seinen besten Freund wünscht? Bewegungsfreiheit bedeutet für Hunde ein großes Stück Lebensqualität. Ständig an der Leine laufen zu müssen, frustriert Hund und Mensch gleichermaßen. Und ein derart frustrierter Hund wird vermutlich die nächstbeste Gelegenheit nutzen, um der Leine zu entkommen und einen kleinen Jagdausflug zu unternehmen.

Der Jagtrieb-Teufelskreis

Jagdlich ambitionierte Hunde und ihre Menschen geraten schnell in einen Teufelskreis, aus dem sie alleine nicht mehr herausfinden. "Oft liegt der Kern des Problems darin, dass der Hundehalter zu lange gewartet hat", erklärt Jagdhundecoach Anjela Daedler. Die professionelle Hundetrainerin hat sich auf die Unterstützung von Menschen mit jagdambitionierten Vierbeinern spezialisiert und arbeitet bereits seit über 20 Jahren mit nichtjagdlich geführten Jagdhunden. "Viele Hundehalter erkennen die ersten Anzeichen des Jagdverhaltens ihres Hundes nicht, denn das Jagen beginnt ja nicht erst, wenn der Hund lossprintet, sondern schon viel früher. Es sind ganz feine Signale, an denen man mit geübtem Auge erkennen kann, ob der Hund gerade mental auf Jagen eingestellt ist oder womöglich bereits eine Witterung aufgenommen hat." In dieser frühen Phase lässt sich die Aufmerksamkeit des Hundes oft noch einholen und das Jagdverhalten unterbrechen.

"Jagdhunde lieben die Arbeit mit ihrem Menschen. Dafür sind sie gezüchtet worden – nicht für das eigenständige, unkontrollierte Loshetzen. Tatsächlich bieten die meisten Jagdhunde sich ihrem Menschen an, doch der wiederum merkt es gar nicht. Er hat nicht gelernt, seinen Jagdhund richtig zu lesen. Und wenn der Mensch nicht auf die Kommunikationsversuche seines Hundes reagiert, entscheidet der irgendwann selbst – und verabschiedet sich." Meist hat der Hund sich bereits einige Male auf eigene Faust davon gemacht, bevor seinen Menschen dämmert, dass sie etwas ändern müssen. Viele Hundeschulen bieten mittlerweile Anti-Jagdkurse an, in denen das Jagdverhalten des Vierbeiners kontrollierbar gemacht werden soll.

Auf die Persönlichkeit ausgerichtetes Anti-Jagdtraining

Doch diese Form des Anti-Jagdtrainings ist oft mit Vorsicht zu genießen. Denn zum einen kann ein unsachgemäß durchgeführtes Anti-Jagdtraining sogar kontraproduktiv sein – insbesondere für Jagdhunderassen. "Jeder Hund trägt Jagdinstinkte in sich, doch bei den Jagdhunderassen sind sie besonders ausgeprägt. Ihr Jagdtrieb kann dauerhaft weder unterdrückt noch abtrainiert werden", sagt Anjela Daedler. Zum anderen sind die verschiedenen Jagdhunderassen hochspezialisiert und, wie jeder Hund, individuelle Persönlichkeiten. Standardlösungen sind für sie oft nicht das Mittel der Wahl. "Das wichtigste ist, dass der Hundehalter lernt, seinen Hund richtig zu lesen. Damit steht und fällt das gesamte Training. Im Rahmen eines Gruppenunterrichts und auf einem Hundeplatz kann das leider nicht wirklich geleistet werden."

Bestandteile des Trainings

Anjela Daedler arbeitet aus diesem Grund ausschließlich im Einzeltraining und in authentischen Situationen mit ihren Kunden. "Als erstes sensibilisieren wir im Training den Menschen, so dass ein Verständnis zwischen Hund und Mensch entstehen kann. Nur so kann gegenseitiges Vertrauen wachsen – und zu guter Letzt eine zuverlässige Verbindung, mit deren Hilfe der Jagdtrieb des Hundes kontrollierbar wird." Das Training von Anjela Daedler hat immer ein Ziel: Konstruktive Teamarbeit zwischen Mensch und Hund statt einsamer Jagdausflüge des Vierbeiners. "Man kann den Jagdinstinkt des Hundes zwar nicht abtrainieren – aber man kann dem Hund Alternativen anbieten, die seinen persönlichen Vorlieben und Talenten entsprechen. Für den einen Hund kann das Mantrailing sein, für den anderen Dummyarbeit, für einen dritten wieder etwas ganz anderes. Oft genügt schon einfache geistige Auslastung, um die Aufmerksamkeit des Hundes zu sichern. In aller Regel nimmt der Hund diese Alternativen dankbar an, denn er möchte seinem Menschen gefallen. Auf diese Weise wird der Jagdinstinkt nicht unterdrückt, sondern in etwas positives umgewandelt."

Erfolge stellen sich oft schnell ein

Am Ende des Trainings steht der entspannte Spaziergang ohne Leine – doch bis dahin ist es oft ein weiter Weg. Je nach Veranlagung von Mensch und Hund und den Erfolgserlebnissen, die der Vierbeiner bis dato schon sammeln konnte, sind viel Zeit, Geduld und Konsequenz notwendig. Doch Anjela Daedler möchte Hundehalter ausdrücklich ermutigen. "Fast jeder Jagdhund kann mit dem entsprechenden Training wieder kontrollierbar gemacht werden – und der Aufwand lohnt sich." Schließlich ist es für verantwortungsvolle Hundehalter weder eine Lösung, ihren Hund dauerhaft an der Leine zu behalten, noch, ihn unkontrolliert jagen zu lassen. Doch Anjela Daedler geht es noch um etwas ganz anderes: "Der entspannte Spaziergang, die Bewegungsfreiheit ohne Leine, das neue Verständnis und die freudige Kooperationsbereitschaft des Hundes – das sind ganz einfach wunderbare Erfahrungen, mit denen Mensch und Hund belohnt werden."

Und außerdem, so berichtet Anjela Daedler, stellen sich bei vielen Mensch-Hund-Teams die ersten Erfolge bereits nach verblüffend kurzer Zeit ein. "Hat der Mensch erst einmal verstanden, wie er seinen Hund lesen kann, geht es oft ganz schnell", erklärt die Jagdhunde-Trainerin. Dabei hilft sie nicht nur bei Mensch-Hund-Gespannen, bei denen es bereits zu Problemen gekommen ist. Seit vielen Jahren arbeitet sie im Tierschutz mit Jagdhunden und hat bereits über 100 Hunde vermittelt. Menschen, die sich einen Jagdhund – ob vom Züchter oder aus dem Tierschutz – anschaffen wollen, steht sie schon vorher mit Rat und Tat zur Seite. "Jagdhunde sind wunderbare Gefährten und geben einem sehr viel zurück. Doch es gibt einiges zu beachten und Menschen sollten sich bereits vorher darauf einstellen und sich kompetente Unterstützung suchen."

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