Erster Wurf einer neuen Zuchtstätte: Warum züchtet ihr und wie geht das überhaupt?

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Die Leonberger-Hündin Stella ist am 7. November 2018 zum ersten Mal Mama geworden. Und hat ein kleines bisschen Geschichte geschrieben. Denn ihre drei Welpen sind die ersten Leos, die seit gut 30 Jahren in der Stadt geboren wurden, aus der die Rasse stammt. Für Ralph und Melanie Kaisser, Stellas Herrchen und Frauchen, ist es der erste Wurf ihrer neuen Zucht. Wir haben mit Ihnen über Leos und die Entscheidung, zu züchten, geplaudert.

Ralph, wie kamt ihr zu der Entscheidung, Leos zu züchten?

Das war ein Prozess, der mehr als zwei Jahre dauerte. Wir wollten am Anfang einfach nur einen Hund für unsere Familie. An Zucht dachten wir damals überhaupt nicht. Aber wir leben in Leonberg und sind Mitglieder im Rasseclub DCLH. So bekamen wir mit, dass es hier vor Ort gar keinen Züchter der Hunde gab und dass die Rasse nur sehr wenige Menschen kennen, obwohl sie von hier stammt. Wir haben mit unserer Stella an Hundeausstellungen teilgenommen und sehr gute Ergebnisse erzielt. Es folgte eine DNA Blutanalyse, um Erbkrankheiten auszuschließen. Ebenso musste die Hüfte geröntgt werden zur Überprüfung ob eine Hüftdysplasie vorliegt. Stella hat auch diese Hürde mit dem Ergebnis A1 bewältigt. Zum Abschluss waren wir bei einer Körung.

Was passiert bei einer Körung?

Dabei sind 3 Leonberger-Spezialhunderichter anwesend und prüfen den Hund. Das geschieht zum einen über das Exterieur – also das Äußere des Hundes und zum anderen wird das Wesen getestet. Sie dürfen weder ängstlich noch aggressiv sein. Die Körung dauert fast einen ganzen Tag. Die Hunde werden wirklich sehr genau unter die Lupe genommen, nicht alle bestehen. Während dieser Zeit war der Gedanke an die Zucht eher ein Gedanke in der Zukunft und fühlte sich unwirklich an. Aber dann hatten wir alle Voraussetzungen für die Zuchterlaubnis erfüllt und freundeten uns langsam mit dem Gedanken an. Ein viel langwierigerer Prozess war aber die Rüdenauswahl. Sie kostete uns viele viele Tage und Abende.

Mutterhündin mit Welpen
Leonberger-Hündin Stella schaut in der Wurfkisten nach dem Rechten.

Welche Faktoren spielen bei der Auswahl des Rüden eine Rolle?

Ralph: Wir haben natürlich versucht, den bestmöglichen Kandidaten zu finden. Dabei kommen viele verschiedene Punkte zusammen. Für Leonberger gibt es zum Glück eine sehr große Datenbank. Du kannst darin deinen Hund zusammen mit jedem gekörten Rüden eingeben. Dann spuckt die Datenbank online bis zu 9 Generationen mit sämtlichen Verknüpfungen und Überschneidungen der Blutlinien in der Vergangenheit aus. So kannst du alle Kandidaten über die Blutlinie, die nicht für dich in Frage kommt, aussortieren. Dann bleiben gar nicht mehr so viele Rüden übrig.

Weiterhin kommt dazu, dass jeder Hund aus züchterischer Sicht körperliche Merkmale mitbringt, die nicht ganz so gut oder erwünscht sind. Den perfekten Hund gibt es de facto nicht. Du suchst also für die Zucht Hunde, die ihre Mankos im Bestfall gegenseitig ausgleichen können. Dann kommen vielleicht in Deutschland noch eine Handvoll Rüden in Frage. Davon scheiden weitere aus, wenn sie schon sehr häufig Hündinnen gedeckt haben. Du tastest dich immer weiter heran.

Es kommt aber nicht ausschließlich auf die Genetik an, oder?

Ralph: Nein, selbstverständlich nicht. Das Wesen des Rüden war für uns bei der Wahl besonders wichtig. Er sollte einem Leonberger entsprechen, keinerlei aggressives Verhalten aufweisen. Ich nenne das immer „Wikipedia-Rüde“. Er bringt alle Eigenschaften mit, die man aus der Beschreibung der Rasse in einem Rasseportrait oder aus dem Wikipedia-Eintrag kennt. Der Rüde, den wir ausgesucht haben, heißt Garfield Leo vom Illertal. Er wird Nero genannt und lebt im Zwinger Löwe von Baden. Nero ist ein wahnsinnig erfolgreicher Rüde mit sensationellem Gangwerk. Und er ist vor allem extrem gelassen, ein König der Löwen. Sein einziger Nachteil: Er lebt in Baden [lacht]. Seine Halter sind sehr selektiv und wir haben uns sehr gefreut, dass sie bei unserer Stella zugesagt haben.

Die drei kleinen Hündinnen wogen bei der Geburt weniger als ein Kilogramm. Ausgewachsene Leonberger-Hündinnen bringen es auf bis zu 59 Kilogramm.

Als Halter der Hündin bezahlt man die Halter der Rüden dafür, dass er die Hündin deckt, stimmt's?

Ralph: Ja. Bei den Leonbergern wird meist ein Sprunggeld bezahlt, das zwischen 80 und 150 Euro liegt und dazu noch einen Preis pro Welpe. Allerdings gibt es hier sicher sehr viele individuelle Absprachen. Die tatsächlichen Kosten stecken aber wo ganz anders: in der Wurfkiste, die wir gebaut haben, im Boden, den wir im Welpenzimmer neu verlegt haben, in vielen Arztbesuchen, Blut- und Hüftuntersuchungen, der Körung, einem größeren Auto, Ausstellungsbesuchen, Zäunen im Garten und im Haus und vielen weiteren notwendigen Dingen ... Du verdienst als gewissenhafter Züchter mit deinen Hunden keinen Porsche, noch nicht einmal einen Polo. Deine Zeit darfst du gar nicht mit einberechnen. Ich bin meinem Vorgesetzten von nuvolax.com sehr dankbar. Er hat sich davon überzeugen lassen, dass ich fünfeinhalb Wochen Urlaub am Stück brauche, um mich um die Welpen zu kümmern.

Ihr habt für Stella und die Welpen ein Zimmer extra hergerichtet. Worauf habt ihr dabei geachtet?

Ralph: Als erstes haben wir das Zimmer ausgeräumt und neuen Boden verlegt. Er ist rutschfest, enthält keine Schadstoffe, ist weich und wasser-, beziehungsweise pipiundurchlässig. Wir können ihn außerdem gut reinigen.

Unsere Welpenbox haben wir neu gebaut, da es unser erster Wurf ist. So eine Box leiht man sich nicht aus, was im Übrigen für alle weiteren Utensilien ebenso gilt. Unsere Box misst 1,80 Meter auf 1,80 Meter und ist 40 cm hoch. An den Wänden der Box sind Holzlatten angebracht. Sie verhindern, dass die Hündin die Welpen versehentlich platt drückt. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Die Welpen würden unter die Holzlatte rutschen, wo der Körper der Hündin nicht hinkommt.

Habt ihr die Ernährung von Stella umgestellt, während sie trächtig war?

Ralph: Jein. Vorher haben wir Stella und unsere zweite Leo-Hündin Kiwi hauptsächlich gebarft. Wir fingen dann peu à peu an, ein Stück weit auf Trockenfutter umzustellen. So konnten wir Stella in wesentlich kürzerer Zeit mit wesentlich geringerer Menge viel mehr Energie geben. Ab der fünften Woche kam Welpenfutter dazu, da es eiweißreicher ist. Wir achteten zudem darauf, dass Stella während der Trächtigkeit alle notwendigen Nährstoffe bekam. Das brauchen die Embryonen fürs Wachstum. Wir haben das über Stellas Blut kontrollieren lassen. Wir haben uns mit anderen, erfahreneren, Züchtern über die Ernährung unterhalten. Dr. Michael Scherer zum Beispiel, der Züchter unserer Kiwi, hat viel Erfahrung und ist Tierarzt. Es gibt nicht eine Linie, an die du dich ständig halten kannst, ohne je davon abzuweichen. Es passierte schon mal, dass Stella an einem Tag nichts gefressen hat. An anderen Tagen fraß sie viel. Sie hat Melanie einmal sogar nachts geweckt, weil sie hungrig war.

kleiner Leonberger-Welpe
Die kleinen Leonberger ähneln Bärchen.

Was für einen Stellenwert hat die Zucht eurer Meinung nach? Viele Menschen geben ja zum Beispiel zu bedenken, dass in den Tierheimen schon so viele Hunde auf ein Zuhause warten.

Ralph: Für uns hat die Zucht viel mit Tradition zu tun. Wir leben in Leonberg und es soll die Rasse hier weiterhin geben. Sie soll erkannt werden. Leonberger sind sensationell und ganz speziell. Sie wollen überall dabei sein und freuen sich, wenn du mit ihnen arbeitest. Sie sind genügsam, entspannt und eignen sich richtig gut für Familien.

Melanie: Es tut mir einfach Leid um die Rasse. Sie ist so in den Hintergrund gerutscht. Ich laufe immer wieder durch die Stadt und werde gefragt: „Entschuldigung, was ist denn das für ein Hund?“ Das Tierheim-Argument ist durchaus valide. Es gibt ja wirklich schon viele Hunde, die ein Zuhause suchen. Als wir selbst überlegten, was für einen Hund wir uns holen, war uns aber extrem wichtig, zu wissen, was in ihm steckt und was für ein Wesen er mitbringt. Wir wollten beim Züchter nachfragen und Hilfe bekommen können. Bekannte von uns haben zwei Hunde aus dem Tierschutz. Einer davon ist sensationell. Der andere ist eher schwierig. Wir wollten uns sicher sein, was für ein Wesen uns erwartet. Gerade auch in Hinblick auf unsere Kinder. Leos sind extrem kinderlieb und nicht geräuschempfindlich.

Ralph: Ich finde es eher schade, dass sich die wenigstens Menschen auch bei einem Rassehund Gedanken darüber machen, was es überhaupt für einer ist und ob er zu ihnen passt. Ein Leonberger ist heutzutage ein reiner Familienhund. Dafür wird er gezüchtet. Wenn du dir einen Hund von einem verantwortungsbewussten Züchter holst, kannst du davon ausgehen, dass die Rassemerkmale vorhanden sind und dass die Sozialisierungsphase ordentlich von Statten gegangen ist.

Wie kommen Menschen, die sich für Stellas Welpen interessieren, eigentlich zu euch?

Die meisten, die sich für einen Leo interessieren, sind Familien. Sie werden durch Presse-Artikel wie euer Rasseportrait auf uns aufmerksam und vor allem über die Club-Webseite des DCLH. Dort werden die Deckmeldungen und Infos über neue Würfe veröffentlicht. Wir haben auch schon Anfragen von anderen Züchtern. Zudem sendete bereits der SWR zwei Berichte im TV über uns und unsere Leos.

Was ist euch bei den Interessenten wichtig?

Auch hier kommen wieder diverse Punkte auf uns zu, die wir nach besten Wissen und Gewissen prüfen. Die Interessenten müssen zum einen die Räumlichkeiten für einen Leonberger haben. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung unter dem Dach ist schlecht. Ein Leo ist zum anderen kein Hund für Menschen, die 80 Stunden in der Woche arbeiten und ihn nicht mitnehmen können. Dann würde er verkümmern. Wir gehen auch mal abends ins Kino und etwas essen und sind dann drei Stunden weg. Das schaffen sie schon, aber das machen wir eben nicht jeden Tag. Und du musst kein Millionär sein, um einen Leo halten zu können, aber du solltest natürlich dazu in der Lage sein, ihn zu versorgen. Wir haben unsere ungefähren Futterkosten einmal ausgerechnet. Bei uns – wir barfen – kommen mindestens 120 Euro im Monat zusammen – pro Hund. Bei Trockenfutter wird es etwas günstiger. Dazu kommen Tierarztkosten, die Hundesteuer, eine Hundehaftpflichtversicherung, ein geeignetes Auto, Urlaube werden mit Hunde geplant, Spielzeuge, Leinen, Hundetrainer usw. Du musst deine Möglichkeiten vorher realistisch einschätzen.

Wollt ihr selbst einen der Welpen behalten?

Sagen wir es mal so: Wir schauen uns nach einem größeren Auto um und lassen es auf uns zukommen. Ein wenig Zeit haben wir ja noch. Die Welpen werden uns circa Mitte Januar 2019 verlassen.

Zur Website der Leonberger-Zucht der Familie Kaisser geht's hier.

Fotos: Ralph Kaisser

Lena Schwarz

... ist auf dem Land aufgewachsen. In Augsburg studierte sie Anglistik, Amerikanistik und Deutsch als Fremdsprache. Bei DER HUND kann sie ihre Hundeliebe, Naturverbundenheit und Freude am Schreiben sowie Fotografieren vereinen.