Interview mit Tierärztin: Hundesport, Gelenke, Sportphysiotherapie

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Interview Teil 3: Mantrailing, Turnierhundesport, selbst Hand anlegen

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Beim Mantrailing ziehen die Hunde ihr Frauchen oder Herrchen ja oft hinter sich her. Führt das nicht zu Problemen im Halswirbel- oder Schulterbereich?

Normalerweise tragen die Hunde dabei ein Geschirr und kein Halsband. Der Halsbereich ist also in der Regel frei. Gerade bei Hunden, die nicht zu einer typischen Diensthunderasse gehören, kann es problematisch sein, ein Geschirr zu finden, das zur Größe und zum Körpertyp des Hundes passt. Manche Hunde reagieren sehr empfindlich, wenn ein Geschirr drückt oder scheuert.

Problematisch kann auch die Stelle sein, wo der Karabiner eingehakt ist, vor allem wenn der nicht ständig auf Zug steht und zwischendurch auf die Wirbelsäule quasi draufklopft. Aber generell sind Sportarten wie Mantrailing, wo die Hunde vor allem schnuppernd durch die Gegend laufen, oder Rallye Obedience, wo die Bewegungsabläufe eher den normalen von Hunden oder Wildcaniden entsprechen, lange nicht so belastend für die Gelenke wie schnelle Sprungsportarten.

Gibt es Regularien in Sportarten, die Gelenksprobleme heraufbeschwören können?

Ja, die gibt es. Etwa bei der Fußarbeit: Dort wäre es aus tiermedizinischer Sicht sinnvoller, wenn die Hunde nicht nur auf einer Seite geführt werden würden, sondern auf der linken und der rechten Seite. In fast allen Sportarten ist das aber anders geregelt.

Ein anderes Beispiel: Im Turnierhundesport wurde vor einigen Jahren die trapezförmige Wand eingeführt statt der A-Wand. Die Belastungen an den Gelenken sollten – so die Theorie – verringert werden. An der neuen Wand können die Hunde aber quasi nicht mehr hinunterlaufen. Daher überspringen fast alle mittelgroßen und großen Hunde diese Wand komplett. Das ist in der Summe belastender, als wenn sie die Wand wie zuvor arbeiten würden. Es wäre sinnvoll, wenn man eine Neuerung zum Schutz der Hunde einführt, vorher zu prüfen, ob sie diesen Zweck wirklich erfüllt – und das auch wissenschaftlich untersuchen zu lassen.

Problemen mit den Gelenken vorbeugen

Kann ein Hundehalter selber etwas tun, um Gelenksproblemen entgegenzuwirken? Im Internet und in Büchern werden dazu diverse Übungen gezeigt. Oder kann es sein, dass ein Hundehalter, der keine physiotherapeutische Ausbildung hat, damit eher Schäden anrichtet?

Laien, die selber physiotherapeutisch „Hand anlegen“ möchten, sollten sich ausführlich von einer Fachkraft beraten lassen. Im Internet gibt es durchaus gute Anleitungen, aber eben auch schlechte. Zu beurteilen, ob man gerade eine gute oder schlechte erwischt hat, ist für den Laien sehr schwierig.

Nehmen wir einen simplen Plan zum Aufbau eines Ausdauertrainings: Wenn die Informationen darin richtig sind, ist er sinnvoll und auch für jeden Halter umsetzbar. Aber die sachlichen Informationen darin, wie Trainingshäufigkeit oder Kilometeranzahl, können auch viel zu hoch oder falsch sein. Dann ist er natürlich nicht sinnvoll.

Es ist auch schwierig, einen guten Therapeuten oder Tierarzt zu finden. Gerade der Bereich Tierphysiotherapie ist rechtlich überhaupt nicht geschützt. Hierzulande kann jeder ein Schild an die Tür hängen und sagen: „Ab heute bin ich Hundephysiotherapeut.“ In Deutschland fehlt eine einheitliche Qualifikation, anhand der Hundehalter erkennen können, wo sie sich beraten und ihr Tier vernünftig behandeln lassen können.

Abkühlen und Pausen sind wichtig

In Ihrem Buch gehen Sie auch auf die Bedeutung von Stress ein. Gerade in Prüfungssituation stehen die Hundeführer oft so „unter Strom“,dass sich der Stress auf den Hund überträgt. Was für eine Rolle spielt das für die Gelenksgesundheit?

Für die Gesundheit ist, so denke ich, diese Situation nicht so entscheidend. Das betrifft eher die Leistungssteigerung. Wo der Faktor Stress hinzukommt, kann das Ergebnis ein völlig anderes sein, als wenn zum Beispiel in Ruhe auf einem bekannten Übungsplatz trainiert wird. Unter dem Stress der Prüfung kann es dann sein, dass diese Leistung einfach nicht abrufbar ist.

Generell agiert ein Organismus unter Stress anders als ohne Stress. Stress aktiviert das sympathische Nervensystem mit den dazugehörigen Transmitterstoffen, das heißt: Kurzfristig wird Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, mittel- und langfristig Cortisol. Wenn ständig auf ein Cool Down, bei dem der Körper langsam wieder auf einen normalen Betriebsmodus herunterfahren wird, verzichtet wird oder wenn man jedes Wochenende an zwei Tagen auf einem anderen Turnier startet, kann sich diese Cortisolauschüttung langfristig nachteilig auf den Organismus auswirken.

Das betrifft nun nicht primär Gelenke – Stichwort: Immunsystem –, aber Cortisol hat eben auch eine bindegewebsaufweichende Wirkung. Da ist es durchaus denkbar, dass es dadurch schneller zu Bänderrissen kommen kann. Solche Sachen wie Ermüdungsfrakturen kennt man ja vom Menschen oder auch vom Pferd. Mir ist zwar keine Studie bekannt, die solche Zusammenhänge beim Hund nachgewiesen hat, aber solche Mechanismen können eine Rolle spielen. Darum sind Cool Downs, Trainingspausen und das Vermeiden von Übertraining absolut wichtig, um die Hundegesundheit zu erhalten.

Interview: Kenneth Knabe

Lena Schwarz

… schnüffelt als Redakteurin für DER HUND durch die faszinierende Welt der Caniden, löchert Fachleute mit Fragen, trifft außergewöhnliche Vierbeiner und deren Menschen und teilt die Geschichten und Bilder online sowie im Printheft. Besonders gern ist sie mit Hund wandernd unterwegs.