Interview mit Tierärztin: Hundesport, Gelenke, Sportphysiotherapie

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Interview Teil 2: Sporthunde und Familienhunde, häufige Verletzungen

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Ist Physiotherapie zur Vermeidung von Verletzungen nur was für Sporthunde? Oder sollten sich auch Familienhundehalter darüber Gedanken machen?

Absolut. Dabei kann man die Gelenke natürlich nicht isoliert betrachten. Gelenke werden ja bewegt durch Muskeln und sind umgeben von Muskulatur und Bindegewebe. Für die Gelenksgesundheit ist es enorm wichtig, dass die Muskulatur gut trainiert ist. Das ist ein Hauptbetätigungsfeld von Physiotherapie allgemein, also nicht nur der Sportphysiotherapie, sich mit Weichteilen, also mit der Muskulatur, auseinanderzusetzen. Hunde, die gut bemuskelt sind und Idealgewicht haben, sind besser geschützt vor Verletzungen als andere. Das gilt für Familienhunde genauso wie für Sporthunde.

Bei Familienhunden kommt aber hinzu, dass Halter sich oft über diese Dinge wenig Gedanken machen. Ein Halter, der mal wenig Zeit hat, packt dann vielleicht einen Ball ein, fährt zur nächsten Hundewiese, lässt den Hund aus dem Kofferraum springen und schmeißt dann 20-mal den Ball – womöglich noch mit einer Weitwurfschleuder. Dabei wird sein Hund komplett ohne Aufwärmen einer maximalen Belastungsspitze ausgesetzt. Dabei ist der Hund oft extrem hochmotiviert – schließlich handelt es sich um eine Beutemotivation.

Die Folge: Das Verletzungsrisiko ist immens. Das gilt gerade für Familienhunde, und das umso mehr, wenn sie nicht die nötige Fitness mitbringen. Im Bereich der Familienhunde gibt es noch ein großes Potenzial zur Vermeidung von Verletzungen. Es wäre sinnvoll, wenn mehr Halter sich fragen würden: Was sollte ich im Umgang mit meinem Hund ändern? Wie kann ich Spaziergänge sinnvoll gestalten? Ist mein Hund übergewichtig?

Welche Gelenksverletzungen treten denn bei welchen Sportarten am häufigsten auf?

Dazu gibt es Studien, zum Beispiel die vom New Yorker Professor I. Martin Levy, der zufolge die überwiegende Zahl der Verletzungen beim Agility Weichteile betrifft, also nicht die Gelenke im streng anatomischen Sinne, sondern die Muskulatur und teilweise auch Sehnen. Dabei muss man bedenken, dass der Bewegungsapparat ein Kontinuum ist, mit fließenden Grenzen, wo das eine in das andere übergeht. Andererseits wäre für mich etwa ein Kreuzbandriss eine klassische Gelenkserkrankung, weil die Kreuzbänder innen im Kniegelenk liegen und nicht außen dranhängen. Da fällt die Abgrenzung leichter.

Bei den Sporthunden, die mir mit Gelenksverletzungen vorgestellt werden, stehen Blockaden der Wirbelsäule und der Kreuzbeinbeckenregion im Vordergrund, und zwar bei verschiedenen Sportarten. Zum Glück kommen die Sporthundehalter oft schon zu mir, wenn der Hund noch gar nicht wirklich sichtbar lahmt, sondern eben nur ein wenig langsamer geworden ist, etwa beim Absprung. Da muss das Gelenk meist nicht chirurgisch versorgt werden.

Ein großes Problem sind auch Zehengelenksarthrosen, etwa beim Agility, aber auch beim Dummysport, wenn viel über unwegsame Böschungen gesprungen wird. Darunter leiden nicht nur ältere Hunde, sondern auch schon Hunde im Alter von zwei, drei Jahren.

Im lumbosakralen Übergang, also dem Bereich zwischen Lendenwirbeln und Kreuzbein, stellen wir oft Cauda-equina-Probleme fest – bei fast allen schnellen Sprungsportarten wie Agility, Flyball, IPO, Dog Frisbee etc. Da führen viele Bewegungsabläufe zu hohen biomechanischen Belastungen.

Lena Schwarz

… schnüffelt als Redakteurin für DER HUND durch die faszinierende Welt der Caniden, löchert Fachleute mit Fragen, trifft außergewöhnliche Vierbeiner und deren Menschen und teilt die Geschichten und Bilder online sowie im Printheft. Besonders gern ist sie mit Hund wandernd unterwegs.