Dr. Sandra Felten¬†ist Tier√§rztin an der¬†Medizinischen Kleintierklinik¬†der LMU in M√ľnchen. Zus√§tzlich zum Dr. med. vet. darf sie sich seit Mitte April 2021 auch ‚ÄěDiplomate ECVIM-CA (Internal Medicine)‚Äú nennen. Was das bedeutet und warum wir als Tierhalter den Titel Diplomate kennen sollten, erz√§hlt Dr. Felten im Interview.

Das Interview f√ľhrte Lena Schwarz

Tierärztin Dr. Sandra Felten

Dr. Felten, was sagt der Titel ‚ÄěDiplomate ECVIM-CA (Internal Medicine)‚Äú aus?

Der Diplomate bezeichnet die h√∂chste Spezialisierung, die Tier√§rztinnen und Tier√§rzte auf ihren Fachgebieten erreichen k√∂nnen. Am Acronym l√§sst sich das Gebiet ablesen: ECVIM-CA steht f√ľr ‚ÄěEuropean College of Veterinary Internal Medicine ‚Äď Companion Animals‚Äú. Das College ist ein Zusammenschluss europ√§ischer Tier√§rzte, die sich auf ein Fachgebiet spezialisiert haben. In meinem Fall ist das die Innere Medizin der Kleintiere. Den gleichen Titel tragen auch die Kolleginnen und Kollegen, die sich auf die Kardiologie oder Onkologie als Teilgebiete der Inneren Medizin spezialisiert und die Pr√ľfungen geschafft haben. Bei ihnen steht dann anstelle von (Internal Medicine) eben (Cardiology) oder (Oncology).

Wie lange dauert es, diesen Grad der Spezialisierung zu erlangen?

Wer m√∂chte, kann den Weg zum Diplomate direkt nach Abschluss des Studiums beginnen. Er dauert je nach Programm etwa 4 bis 5 Jahre: Man durchl√§uft erst ein Jahr lang eine Art Vorbereitung, das ‚ÄěInternship‚Äú. W√§hrend dieser Zeit arbeiten die “Interns” meist in einer Tierklinik und rotieren durch deren Fachbereiche. Danach entscheidet man sich f√ľr seine Fachrichtung. Oft sind diese Internships schon ein bisschen fachspezifisch, also zum Beispiel eher im Bereich der inneren Medizin oder Chirurgie angesiedelt.

An das Internship schlie√üt sich die ‚ÄěResidency‚Äú an. Diese dauert mindestens drei Jahre. In meinem Fall waren es vier. Jeder ‚ÄěResident‚Äú hat einen Betreuer, der den Titel bereits tr√§gt. Es ist eine arbeitsintensive Zeit, keine Frage. Aber ich konnte mich sehr ausf√ľhrlich mit meinem Fachgebiet auseinandersetzen und habe von den bereits spezialisierten Tier√§rzten unglaublich viel gelernt. Nach der Residency kann man zur finalen Pr√ľfung antreten.

Warum haben Sie sich f√ľr die Innere Medizin entschieden?

Sie hat mich schon w√§hrend des Studiums immer interessiert. Ich finde es faszinierend, Detektiv zu spielen, also einen Fall von Anfang bis Ende aufzuarbeiten. Das ist im Vergleich zur Humanmedizin ja in der Tiermedizin oft noch viel intensiver, da uns die Tiere nicht genau sagen k√∂nnen, wo es weh tut. Wir m√ľssen also Indizien wie Symptome und Laborver√§nderungen sammeln, uns Schritt f√ľr Schritt √ľberlegen, welche Ursachen infrage kommen und schauen, welche Tests n√∂tig sind. Dieses Puzzle zusammenzusetzen ist immer wieder spannend.

Was umfasst die Pr√ľfung?

In der Inneren Medizin besteht dieses ‚ÄěCertifying exam‚Äú aus zwei Teilen. Das eine ist die Zwischenpr√ľfung, die je nach der L√§nge des Programms, nach ein oder zwei Jahren abgelegt wird. Darin geht es vor allem um allgemeine Aspekte der Pathophysiologie, also die Grundlagen der Erkrankungen. Die Pr√ľfung umfasst auch Grundlagen der Kardiologie, Onkologie und Neurologie. Sie besteht aus einer schriftlichen Pr√ľfung mit Multiple-Choice-Fragen. Nur wer sie bestanden hat, darf am Ende seines Programms zur Abschlusspr√ľfung antreten. Diese dauert dann zwei Tage: Am ersten dreht sich alles um die Theorie. Ein Teil davon ist Multiple-Choice, der andere enth√§lt etwas ausf√ľhrlichere Fragen. Beide Teile dauern jeweils vier Stunden. Am zweiten Tag folgt noch einmal ein schriftlicher Teil, in dem es zum Beispiel darum geht, R√∂ntgen- und Zytologiebilder zu befunden. Daran schlie√üt sich ein m√ľndlicher Teil an.

Einen Anfang und ein Ende gibt es bei so viel Wissen bestimmt nicht. Wie viel Stoff m√ľssen Pr√ľflinge draufhaben?

Gef√ľhlt ist das eine Bibliothek voll. Die Liste mit allen B√ľcher und Journals, die als Vorbereitung f√ľr die Pr√ľfung ‚Äěempfohlen‚Äú werden, umfasst derzeit 2 Fachb√ľcher (mit je 1.080 bis 2.200 Seiten). Dazu kommen alle in den vergangenen 5 Jahren publizierten Artikel von 6 Journals. Als zus√§tzliche Empfehlung, um Wissen zu vertiefen, werden weitere 8 Fachb√ľcher und 2 Journals genannt. Um das alles abrufen zu k√∂nnen, b√ľffelt ein Resident in der Regel mindestens 3 Monate mehrere Stunden t√§glich. Ich habe 11 Wochen lang ca. 10 Stunden t√§glich gelernt. Zudem ist insbesondere f√ľr den praktischen Teil nat√ľrlich Praxiswissen n√∂tig. Denn dabei geht es ja darum, klinische F√§lle aus dem echten Leben aufzuarbeiten und das problemorientierte Wissen und Arbeiten zu beweisen.

Europäische Diplomate-Titel in der Tiermedizin

Je nach Fachrichtung unterscheidet sich der jeweilige Diplomate-Titel.

Tierärzte können sowohl den Diplomate-Titel des Europäischen Colleges als auch den des US-amerikanischen Colleges erlangen und gleichzeitig tragen.

Zu erkennen sind die US-amerikanischen Titel in der Abk√ľrzung am “AC” statt “EC”.

Der Titel steht f√ľr die jeweils h√∂chstm√∂gliche Form der Spezialisierung in einem Fachgebiet auf international vergleichbarem Niveau.

F√ľr die Kleintiermedizin k√∂nnen folgende Bereiche relevant sein:

Anästhesiologie:
Diplomate ECVAA (Anaesthesia and Analgesia)

Augenheilkunde:
Diplomate ECVO (European College of Veterinary Ophthalmologists)

Bildgebende Verfahren:
Diplomate ECVDI (European College of Veterinary Diagnostic Imaging)

Chirurgie:
Diplomate ECVS (European College of Veterinary Surgeons)

Dermatologie:
Diplomate EVCD (European College of Veterinary Dermatology)

Ernährung:
Diplomate ECVCN (European College of Veterinary and Comparative Nutrition)

Innere Medizin:
(mit den Unterkategorien Internal Medicine, Cardiology oder Oncology)
Diplomate ECVIM-CA (European College of Veterinary Internal Medicine)

Intensiv- und Notfallmedizin:
Diplomate ECVECC (European College of Emergency and Critical Care)

Klinische Pathologie:
Diplomate ECVCP (European College of Veterinary Clinical Pathology)

Neurologie:
Diplomate ECVN (European College of Veterinary Neurology)

Parasitologie:
Diplomate EVPC (European College of Veterinary Parasitology)

Reproduktionsmedizin:
Diplomate ECVR (European College of Veterinary Reproduction)

Zahnmedizin:
Diplomate EVDC (European Veterinary Dental College)

Wie können wir uns den praktischen Teil vorstellen?

Der Pr√ľfling bekommt drei F√§lle, die mit zwei Pr√ľfern aufgearbeitet werden. Das k√∂nnte zum Beispiel ein Hund sein, der mit Husten vorgestellt wird. Meine Aufgabe w√§re es, zu erl√§utern, was die Probleme des Patienten sind, was m√∂gliche Ursachen sein k√∂nnten und welche Tests n√∂tig sind, um eine Diagnose zu stellen ‚Äď also z.B. Blutuntersuchungen und/oderbildgebende Verfahren. Die Ergebnisse der angeforderten Tests legen die Pr√ľfer dann schriftlich vor. Anhand derer sind dann weitere Schritte zu planen, bis eine Diagnose steht, der Fall gel√∂st und das Tier ad√§quat therapiert wurde. Pro Fall haben wir 20 Minuten Vorbereitungszeit und 25 Minuten Zeit mit den Pr√ľfern.

Sind im Laufe der Spezialisierung Auslandsaufenthalte wichtig?

Verpflichtend ist das nicht, bietet aber eine gro√üartige Chance, Erfahrungen in anderen Kliniken zu sammeln und den eigenen Horizont zu erweitern. Noch dazu vertieft man seine Englischkenntnisse. Das hilft sehr, denn die Pr√ľfung findet auf Englisch statt. Noch dazu kn√ľpft man Kontakte mit vielen spannenden Menschen.

Ich war f√ľr die sogenannten ‚ÄěExternships‚Äú im Ausland: Zum einen arbeitet man daf√ľr vier Wochen unter Aufsicht eines Radiologen. Die Radiologie ist zwar kein eigenes Teilgebiet der inneren Medizin, Kenntnisse darin sind aber trotzdem wichtig. Zum anderen verbringt man vier Wochen unter der Aufsicht eines klinischen Pathologen, der sich exklusiv mit Laboruntersuchungen, Zytologie usw. besch√§ftigt. Den Teil der klinischen Pathologie habe ich in Cambridge absolviert und einen Teil der Radiologie in Wien. Zus√§tzlich habe ich noch ein paar Wochen in den USA in einer Klinik im Bereich der Inneren Medizin mitgearbeitet. Man kann die Externships zwar auch an anderen Kliniken in Deutschland absolvieren, aber ich empfehle jedem, der es m√∂glich machen kann, unbedingt Auslandsaufenthalte.

Wie unterscheiden sich ‚ÄěFachtierarzt‚Äú und ‚ÄěDiplomate‚Äú?

Auch ein Fachtierarzt f√ľr Innere Medizin kennt sich auf dem Gebiet schon sehr gut aus. Die Ausbildung zum Diplomate ist noch spezialisierter und die Wissenschaft spielt dabei im Vergleich eine noch ausgepr√§gtere Rolle.

Geh√∂rt Forschung zum Alltag f√ľr Diplomates?

Insoweit, dass ich mich als Diplomate immer auf dem Laufenden halten und entsprechend aktuellster Erkenntnisse arbeiten muss ja. Auch w√§hrend der Ausbildung wird darauf Wert gelegt: Jeder Resident bearbeitet ein Forschungsprojekt, das er oder sie auch publiziert. Das hei√üt aber nicht unbedingt, dass jeder Diplomate im Laufe seiner Karriere auch selbst immer wieder Studien durchf√ľhrt. Mich interessiert die Forschung aber sehr. Ich habe mich schon w√§hrend meiner Doktorarbeitszeit mit der Infektionskrankheit FIP, der Felinen Infekti√∂sen Peritonitis, besch√§ftigt. Das vertiefe ich weiter.

Warum haben Sie die starke Spezialisierung angestrebt?

Es war mir schon immer wichtig, mich mit einem Teilgebiet sehr intensiv zu besch√§ftigen und darin richtig gut auszukennen. Die Medizin schreitet weiter voran und kein Mensch kann alles wissen. Je mehr m√∂glich ist, desto mehr muss uns klar sein, dass wir mit unterschiedlichen Spezialisten zusammenarbeiten m√ľssen, um f√ľr den Patienten das Beste herauszuholen. Ich m√∂chte ein Teil davon sein und f√ľr das Tier die beste Versorgung bieten.

Was möchten Sie Tierhalter:innen mitgeben?

Es ist sicher erst einmal wichtig zu wissen, dass es solche Spezialistinnen und Spezialisten wie uns Diplomates in der Tiermedizin √ľberhaupt gibt. Zu ihnen muss man nicht gleich gehen, wenn ein Problem das erste Mal auftaucht ‚Äď jeder braucht seinen Hausarzt. Aber es ist viel Wert, wenn der- oder diejenige wei√ü, wann es Zeit ist, den Patienten zu √ľberweisen. Wir sind da und helfen, wenn es um ein Problem geht, das vielleicht etwas komplexer ist oder schon eine l√§ngere Krankheitsgeschichte mit sich bringt.