Interview: (Straßen)Hunde und einheimische Rassen in Indien

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Der Hundetrainer Ramachandran Subramanian lebt in Chennai, der Hauptstadt des Bundesstaats Tamil Nadu in Indien. Er nennt sich selbst „hundeverrückt“ und nutzt gerne deutsche Kommandos für seine Hunde. In Ausgabe 5/20 von DER HUND erzählt er uns warum, wie er trainiert und was deutsche Hundefreunde von indischen unterscheidet. Hier verrät er mehr über das Leben von (Straßen)Hunden in Indien, einheimische Rassen, und warum Menschen mit auf Leistung gezüchteten Jagdhunden im Geheimen agieren müssen.

Ramachandran SubramanianInterview und Übersetzung: Lena Schwarz Lena

Ram, wie kamen deine Hunde zu dir?

Meinen ersten, ältesten Hund Kari fand ich unter einem Auto in der Nähe meiner Farm. Seine Mutter wurde erschossen, weil sie Schafe tötete. Er tat mir leid, deshalb nahm ich ihn auf. Es stellte sich heraus, dass er ein schwer trainierbarer Hund ist. Es ist, wie mit Glas zu arbeiten. Unter dem geringsten Stress würde er zusammenbrechen. Also lasse ich ihn in Ruhe. Meine Dobermann Hündin Helga wählte ich aus, weil ich einen einfach zu trainierenden Hund wollte. Sie ist sehr gehorsam, arbeitsfreudig und süß wie Honig. Dann folgte Bommi. Sie ist ein Rajapalayam, das ist eine einheimische weiße Hunderasse in Tamil Nadu. Sie ist sehr intelligent und liebevoll. Und dann ist da Ganga, mit 15 Monaten der jüngste. Er ist ein Malinois. Ich wollte eine Rasse, die anders als der Dobermann hier bei uns nicht von den Züchtern negativ beeinflusst worden war.

Malinois wie Ganga hier werden auch zunehmend von der Polizei in Indien als Diensthunde eingesetzt. Früher waren für diese Aufgabe viele Dobermänner im Einsatz. 

Was für Hunde gibt es in Indien und welche Aufgaben haben sie?

Nun ja, ich möchte das nicht verallgemeinern, aber ein Großteil der Reichen hier in Tamil Nadu möchte etwas Exotisches. Sie haben die Hunde, um ihre Freunde zu beeindrucken. Der durchschnittliche Hundehalter möchte einen Hund, der bellt, wenn sich Fremde nähern. Er soll sich nicht im Haus erleichtern oder die Wohnung zerstören. Es gibt auch Städter, die nicht wissen, was es bedeutet, einen Hund zu haben. Sie holen sich all diese mit ihnen inkompatiblen Rassen. In meiner Straße leben ein paar Möpse. Bevor diese in Mode kamen, war der häufigste Haushund in Indien der Deutsche Spitz – eine intelligente, wachsame Rasse. Aber in den vergangenen 15 Jahren kam sie aus der Mode. Mops und Beagle sind beliebter.

Dann gibt es ein paar hundeverrückte Menschen wie mich. Wir kümmern uns um unsere Hunde und bilden sie aus. Darüber hinaus gibt es die gläubigen Menschen. Sie sind meiner Meinung nach die besten Hundehalter. Denn ihre Hunde sind nicht im klassischen Sinne ausgebildet. Sie bekommen einfach die Möglichkeit, mit den Menschen zusammenzuleben. Diese Hunde lernen alles, was es zu lernen gibt, und führen die glücklichsten aller Leben. Sie folgen ihren Menschen jeden Tag zehn Kilometer bis zur Farm, helfen ihnen wenn möglich mit den Schafen und kommen wieder zurück. Sie werden weder angeleint noch in Käfige gesteckt.

Es ist also eine Mischung aus Zugehörigkeit und gleichzeitig einem Gefühl von Freiheit.

Ja. Das ist geprägt von einer natürlichen Mensch-Hund-Verbindung, frei von Verhätschelung und Vermenschlichung.

In Rams Haus in der Stadt, Chennai, halten sich seine vier Hunde auf, wo sie möchten. Draußen ist Vorsicht geboten, da die Tollwut in Indien noch eine echte Gefahr darstellt. Auf Rams Farm, die am Rande eines Tigerschutzgebietes auf dem Land liegt, können sich seine Hunde frei bewegen.

Wie geht es den Straßenhunden in Tamil Nadu?

Wer sich für Hunde in Indien interessiert, setzt sich mit Straßenhunden auseinander. 95 Prozent aller Hunde im Land sind Straßenhunde. Die Hunde, beispielsweise in meiner Nachbarschaft, haben ein schwieriges aber erfülltes Leben. Sie haben absolute Freiheit und wenn sie sich eine Verletzung zuziehen oder krank werden, kümmern sich die Anwohner um sie. Sie gehören sozusagen der Gemeinschaft. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Aber allgemein betrachtet sind unsere Straßenhunde hier ziemlich glücklich und gesund. Es gibt einige Leute, die die Hunde ‚adoptieren‘. Mittagessen gibt es dann bei dem einen Haus und das Abendessen bei einem anderen. Der höchste Gerichtshof Indiens hat verfügt, dass kein Straßenhund von der Straße entfernt werden kann. Sollte ein Hund wegen medizinischer Gründe von der Straße geholt werden, muss er nach der Behandlung wieder dort freigelassen werden, wo er eingefangen wurde. Die Menschen akzeptieren die Hunde, wie eine Krähe auf einem Baum. Niemand tut ihnen Leid an. Natürlich gibt es Ausnahmen, wie überall. Aber für jeden, der die Hunde schlecht behandelt, gibt es Tausend Menschen, die gut mit ihnen umgehen.

In Tami Nadu gibt es auch einige einheimische Rassen …

Hier im Süden Indiens gibt es drei einheimische Hunderassen: Rajapalayam, Kombai und Kanni. Das Besondere an den Rajapalayam ist einfach nur, dass sie weiß sind. Mit dieser Rasse hat es sich meiner Meinung nach erledigt. Sie hat viele gesundheitliche Probleme. Kombai sind kleine, stämmige Sauhunde. Kanni sind Windhunde, Sichtjäger.

Foto: privat

Bommi (zweite von rechts) ist ein Rajapalayam. Diese weiße Hunderasse stammt aus dem Süden Indiens. Mischling Kari (zweiter von links) trägt Kanni-Gene in sich. In Indien gibt es aber auch viele ursprünglich europäische Hunderassen. Sie sind  beliebt als Wachhunde, Statussymbole oder niedlich-modische Begleiter.
Ram nimmt mit seinen Hunden an Obedience-Turnieren teil. Der Indische Kennel Club KCI ist die größte Organisation für das Hundewesen in Indien und orientiert sich am alten britischen Standard für Gehorsamkeit. 

In Indien ist es verboten, zu jagen. Wie funktioniert das, wenn zwei der einheimischen Rassen in Tamil Nadu für die Jagd gezüchtet wurden?

Ja, wir haben Hunde, deren einzige Aufgabe eigentlich nicht erlaubt ist, da die Jagd illegal ist. Die Kombai und Kanni wurden in Arbeits- und Showlinien aufgespalten. Die ländliche Bevölkerung nutzt sie zur Hasenjagd. Es gibt also noch solche, die für ihre ursprünglichen Aufgaben geeignet sind, aber sie können nicht anerkannt werden. Diese Hunde und ihre Menschen sind sozusagen im ‚Untergrund‘ unterwegs, damit es weiterhin Hunde gibt, die ihre ursprüngliche Aufgabe erledigen können - inoffiziell.

Offiziell erlaubt und anerkannt sind also nur die Showlinien?

Ja. Viele Kanni sind in der Hand von reichen Leuten, für die vor allem die Größe und das Aussehen der Hunde wichtig ist. Sie versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Aber wenn der Hund zu groß ist, ist er weniger agil und kann nicht schnell genug drehen und wenden. Diese Oberflächlichkeit ist meiner Meinung der Grund dafür, dass unsere Rassen nicht glänzen können. Das gleiche ist auch mit anderen Rassen passiert: Dobermänner gibt es hier, seit die Briten im Land waren. Die Polizei hat sie als Spürhunde und Wachhunde eingesetzt. Sie haben einen wirklich guten Job gemacht. Aber seit die Hunde für Shows gezüchtet werden, sind sie immer größer geworden. Der kleinere Dobermann verschwand. Um in der indischen Hitze arbeiten zu können, musst du aber klein sein. Jetzt steigt die Polizei auch auf Belgische Schäferhunde um.

Videos mit seinen eigenen Hunden und Straßenhunden teilt Ramachandran auf seinem Youtube-Kanal Ramachandran Subramanian.

Lena Schwarz

... ist auf dem Land aufgewachsen. In Augsburg studierte sie Anglistik, Amerikanistik und Deutsch als Fremdsprache. Bei DER HUND kann sie ihre Hundeliebe, Naturverbundenheit und Freude am Schreiben sowie Fotografieren vereinen.