Qualzucht-Evidenz Netzwerk ist online

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Seit dem 1. Oktober 2021 ist die Website des Qualzucht-Evidenz Netwerks (QUEN) online. Damit wollen die ehrenamtlich engagierten Mitglieder – unter anderem Veterinärmediziner:innen und Rechtsanwältinnen sowie Rechtsanwälte – sich gegen Tierleid einsetzen, das „Defekt- und Qualzuchten“ verursachen.

So ist auf der Website unter dem großen Slogan „Ein Tier soll leben, nicht leiden“ zu lesen: „Mit QUEN schaffen wir eine wissenschaftsbasierte Informations- und Datenbank, die eine Übersicht über zuchtbedingte sichtbare oder verdeckte Defekte betroffener Tierrassen bietet, außerdem eine Zusammenfassung von Gutachten und Gerichtsurteile listet, Bilder zeigt und vieles mehr…“

Mit der Datenbank sollen zum Beispiel Veterinärbehörden bei der Umsetzung ihres Vollzugs unterstützt werden – denn derzeit bestehe ein Vollzugsdefizit, was den oft „Qualzuchtparagraphen“ genannten Teil des Tierschutzgesetzes betrifft.

Das Tierschutzgesetz und der „Qualzuchtparagraph“

In Paragraph 11b des Tierschutzgesetzes geht der Gesetzgeber auf die Zucht ein. Verboten ist es demnach – eigentlich –, Tiere so zu züchten, dass sie mit erblich bedingten Einschränkungen und Schäden geboren werden. Wort für Wort steht im Gesetz:

(1) Es ist verboten, Wirbeltiere zu züchten oder durch biotechnische Maßnahmen zu verändern, soweit im Falle der Züchtung züchterische Erkenntnisse oder im Falle der Veränderung Erkenntnisse, die Veränderungen durch biotechnische Maßnahmen betreffen, erwarten lassen, dass als Folge der Zucht oder Veränderung

1. bei der Nachzucht, den biotechnisch veränderten Tieren selbst oder deren Nachkommen erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich        oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten oder
2. bei den Nachkommen
a) mit Leiden verbundene erblich bedingte Verhaltensstörungen auftreten,
b) jeder artgemäße Kontakt mit Artgenossen bei ihnen selbst oder einem Artgenossen zu Schmerzen oder vermeidbaren Leiden oder Schäden führt oder
c) die Haltung nur unter Schmerzen oder vermeidbaren Leiden möglich ist oder zu Schäden führt.

Laut des Gesetzes darf das Bundesministerium „durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates“ näher bestimmen, was unter Absatz 1 fällt und Zuchten zu beschränken oder sogar zu verbieten, wenn diese gegen Absatz 1 verstoßen können. Genau hier kommt wieder QUEN ins Spiel, dessen Mitglieder die zuständigen Veterinärbehörden dabei unterstützen wollen.

Qualzucht bei Hunden

Das Themenfeld der Qualzucht ist besonders – aber nicht ausschließlich – bei Hunden relevant. Auch bei anderen durch Zucht „modifizierten“ Tierarten, darunter Katzen und sogar Fische, gibt es starke gesundheitliche Einschränkungen.

Ihnen allen gemein: extreme Ausprägungen optischer Merkmale, die schon von Geburt an dazu führen, dass ein gesundes Leben kaum möglich ist. Die optischen Merkmale führen dazu, dass die betroffenen Körperteile ihre eigentlichen Aufgaben nicht mehr so umfänglich ausführen können, wie es nötig ist. Das traurige Paradebeispiel: extrem verkürzte Nasen. Hunde wie Möpse und Französische oder Englische Bulldogen können oft nicht mehr ausreichend Luft einatmen.

Französische Bulldogge atmet durch geöffnetes Maul

Körperlich eingeschränkt ⇒ geringere Lebensqualität

Die medizinische Bezeichnung für dieses Problem lautet „Brachyzephales obstruktives Atemwegsyndrom“ (kurz BOAS). Dahinter verbergen sich gleich 5 Engstellen, die verhindern, dass ein betroffener Hund frei atmet.

An erster Stelle stehen die zu engen Nasenlocher. Darauf folgen zu dicke Nasenmuscheln, welche die Nasengänge einengen. Es folgen ein verdicktes Gaumensegel sowie verschiedene Grade von Kehlkopfkollaps und schließlich der zu kleine Durchmesser der Luftröhre. Zumindest ein bisschen nachfühlen, wie unangenehm das ist, kannst du selbst: Halte dir einfach mal zwei Drittel deiner Nasenlöcher zu und versuche weiter zu atmen. Unangenehm, oder? Und das ist nur eine der Engstellen bei den betroffenen Hunden.

Wer nicht frei atmen kann, kann auch nicht – oder nur sehr begrenzt – toben, rennen, also in der Bewegung Spaß haben. Das gehört für das Lauf- und Nasentier Hund aber zu einem schönen Leben dazu. Zusätzliche Problemstellen wie Hautfalten, in denen Entzündungen entstehen, ein fehlgebildetes Gebiss, oder Augen, die aus ihren zu flachen Höhlen sogar herausfallen können, ergänzen die lange Problemliste.

Mehr Informationen im Netz

QUEN ist eine von vielen Stellen, die über die Qualzucht-Thematik informieren und aufklären. Um dich weiter zu informieren, kannst du zum Beispiel auf die folgenden Seiten zugreifen:

https://www.tieraerztekammer-berlin.de/qualzucht

https://www.tierschutzbund.de/information/hintergrund/heimtiere/qualzucht/

https://www.bundestieraerztekammer.de/tieraerzte/qualzuchten/

Lena Schwarz

… schnüffelt als Redakteurin für DER HUND durch die faszinierende Welt der Caniden, löchert Fachleute mit Fragen, trifft außergewöhnliche Vierbeiner und deren Menschen und teilt die Geschichten und Bilder online sowie im Printheft. Besonders gern ist sie mit Hund wandernd unterwegs.