Frei Schnauze, doch nicht leinenlos

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Olde English Bulldogge Vain ist kein aggressiver, gefährlicher Hund. Eine Hundebegegnung, Lärm und Stress ließen sie in ihrer Prüfung kalt. Ihren Maulkorb ist sie also quitt. Von der Leine darf die verspielte Ulknudel aber noch nicht.

Peter Schmächtig schüttelt den Kopf. Seine Hündin Vain wetzt um ihn her über die Wiese, dass das Gras fliegt. Peter ruft, Vain kommt – aber nur, um sich vor ihm zur Spielaufforderung hinzuwerfen und gleich wieder durchzustarten. Eigentlich schön, die Hündin so fröhlich zu sehen. Dumm nur, dass sie gerade in der Prüfung zur Maulkorb- und Leinenbefreiung frei bei Fuß gehen soll.

Prüfer Frank Rosenbaum prüft, ob Vain sich ruhig verhält, wenn sie einer pöbelnden Person begegnet. Foto: Sebastian Quillmann

„Ich hätte fast laut losgelacht“, sagt Peter eine knappe Stunde später in einem Café in Viersen. Prüfer Frank Rosenbaum hat ihm gerade eröffnet, dass er sich für Vains Befreiung vom Maulkorb ausspricht – aber nicht für die Leinenbefreiung. Peter ist trotzdem „happy und stolz“. „Wir haben so viel gearbeitet. Und dass der Maulkorb wegkommt, war mir das Allerwichtigste.“

„Da ist ganz viel jugendliches Spielverhalten. Auch in der Kommunikation mit anderen Hunden wechselt sie in eine Spielaufforderung“, sagt Frank Rosenbaum. In der Prüfung  war von der alten Vain, die bei Hundebegegnungen vor Anspannung zitterte, nichts mehr zu sehen. Aber das Wichtigste: „In Reiz- und Umweltsituationen zeigt sie keinerlei Aggression oder Gefährlichkeit.“

Geschont hat der Sachverständige die junge Hündin keineswegs. Als Rosenbaum beim Spaziergang von hinten im Hopserlauf ganz nah neben Vain springt oder an einer Bushaltestelle an ihr vorbeirennt, bleibt die Hündin gelassen. Der Prüfer setzt einen drauf. Er torkelt, schlägt mit der flachen Hand auf die Fahrplantafel und pöbelt: „Immer diese Kampfhunde!“ Vain bleibt völlig ruhig.

Kreativität und Hundeverstand sind gefragt, um den Vorgaben der Landeshundeverordnung Leben einzuhauchen und einen Hund unter alltagsnahen Bedingungen auf die Probe zu stellen. Laute Geräusche, schnelle Bewegungen, Begegnungen mit Radfahrern, Hunden, flatternden Tüchern und Regenschirmen –  „Ich simuliere Alltagssituationen, um zu sehen, ob der Hund offensiv oder defensiv aggressiv reagiert“, erläutert Frank Rosenbaum.

Welchen weiteren Aufgaben sich die Hündin Vain und Herrchen Peter bei der Prüfung zur Maulkorb- und Leinenbefreiung stellen mussten, lesen Sie in Ausgabe 05/2017 von DER HUND. Bereits in Ausgabe 04/2017 hatten wir Vains Fall im Heft vorgestellt.

Herrchen Peter Schmächtig und Trainerin Christiane Strauch werden weiter mit Vain arbeiten. „Am Grundgehorsam werden wir noch feilen“, sagt Christiane. Peter möchte mit Vain am „Social Walk“ der Hundeschule teilnehmen, damit der Trainingserfolg bei Hundebegegnungen erhalten bleibt. Und vielleicht treten Peter und Vain auch noch einmal zur Prüfung an – dann für die Leinenbefreiung.

Olde English Bulldogge
Die Olde English Bulldogge (OEB) wurde in den 1970er Jahren in den USA entwickelt. Sie soll dem Typus der englischen Bulldoggen zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahekommen. Es gingen Kreuzungen aus Englischen Bulldoggen mit Bullmastiffs, American Bulldogs und American Pit Bull Terrier in die Zucht ein. Die Rasse wird nach Standard des amerikanischen Verbandes UKC (United Kennel Club) reingezüchtet. Daneben gibt es Zuchtlinien „alternativer Bulldoggen“, die zum Teil ebenfalls als Olde English Bulldogge bezeichnet werden. In einigen Bundesländern, darunter NRW, behandeln die zuständigen Behörden OEB wie Listenhunde, obwohl sie in den Rasselisten nicht erfasst sind. Die Begründung: Es handele sich um Kreuzungen mit Rassen, die als gefährlich eingestuft werden.
Lena Schwarz

... ist auf dem Land aufgewachsen. In Augsburg studierte sie Anglistik, Amerikanistik und Deutsch als Fremdsprache. Bei DER HUND kann sie ihre Hundeliebe, Naturverbundenheit und Freude am Schreiben sowie Fotografieren vereinen.