HundeDoc Berlin: von Waldhunden und Wagenbewohnern

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Die Wuhlheide: ein Wagendorf im Südosten Berlins. Es wird vom angrenzenden Wald fast verschluckt. Die Wagenbewohner: bunt, grau, alt, jung, auf zwei oder vier Beinen unterwegs. Jeden Montag schlägt hier ein besonderer Gast auf: Tierärztin Jeanette Klemmt mit ihrem umgebauten Krankenwagen. Ihre Mission: Die Tiere von Menschen in prekärer Situation kostengünstig zu versorgen. Einen Tag lang haben wir sie dabei begleitet.

Der Weg zur Wuhlheide vom Stadtzentrum ist lang und führt direkt ins Grüne. Dort liegt die Wohnwagensiedlung. Mittendrin steht der umfunktionierte Krankenwagen, auf dem HundeDoc in blauen Lettern prangt. In seinem Inneren: Tierärztin Jeanette Klemmt, bereit für ihre Patienten. Ein Besuch in der Wuhlheide ist eine Reise zu den Ursprüngen des Projekts HundeDoc: Das Wagendorf war Jeanette Klemmts erster dauerhafter Einsatzort. Die Tierärztin beschreibt ihn als relativ ruhig: „Die Anzahl der Bewohner ist recht überschaubar. Nur im Sommer wird es oft etwas voller, wenn mehr Leute hier stranden und behaupten, sie wohnen in der Wagensiedlung.“

Trebegängerin mit Hunde-Opi

Der mobile Kliniktag im Wagendorf beginnt um 14 Uhr. Die ersten beiden Patienten sind der 11-jährige Labradormix Kabel und der rotbraune Mischling Lenny. Halterin Josi bringt ihre beiden Hunde regelmäßig für Wurmkuren und Impfungen vorbei. Der kritische Blick der Tierärztin wandert von Kabels Augen bis zum Bauch. Momentan plagt ihn eine leichte Bindehautentzündung, sonst ist der Hundesenior fit. Vorsorge ist wichtig. Denn wird ein Tier ohne Medikation alt, wird es am Ende richtig teuer für den Halter. Jeanette Klemmt erkundigt sich nach dem Gewicht ihrer Patienten, gibt Empfehlungen. Ihre Worte klingen nach gut gemeintem Rat, nicht nach einer Belehrung. Das stößt auf wache Ohren – vor allem in Kombination mit dem Fachwissen der Tierärztin.

Hundesenioren wie der 11-jährige Kabel profitieren ganz besonders von der tierärztlichen Fürsorge, die sie bei HundeDoc erfahren.

Ablehnung

Für eine Behandlung der Tiere muss der Sozialarbeiter deren Halter anmelden. „Das soll das Erschleichen von Leistungen vermeiden. Ich will die Leute nicht ermutigen, Tiere zu halten, wenn sie es sich nicht leisten können. Letztlich ist Tierhaltung Luxus. Ich finde zwar, ein notwendiger Luxus, aber das ist nur meine Meinung.“, stellt Klemmt fest. Dabei ist Aufklärung nötig, Nachhaken und manchmal leider auch das Einschalten entsprechender Behörden. Mit einer Hand im Medikamentenschrank erklärt die Tierärztin: „Soziale Träger gibt es wie Pilze im Regen. In allen Varianten, je nach Geschlecht, Orientierung und Alter der Betreuten. HundeDoc ist deren Hintergrund egal. Hauptsache, es liegt ein gewichtiges Problem vor.“

Typische Kunden?

„Die habe ich nicht. Vom versoffenen Punk bis zur Kleinfamilie ist alles dabei“, lautet das Fazit der Tierärztin. Prekäre Lebensverhältnisse aufgrund der Wohn- oder Arbeitssituation sind in jedem Fall ein wichtiges Aufnahmekriterium. Patienten ohne Termin muss die Tierärztin ebenso ablehnen wie akute Notfälle. „Ähnlich ist es, wenn eine dreifache, alleinerziehende Mutter anruft und berichtet, dass sie den Hund nicht zum Tierarzt bringen kann, weil es zu teuer ist. Da muss ich leider klar sagen: Hartz IV ist nicht die Eintrittskarte bei HundeDoc.“

Seit mittlerweile 18 Jahren ist Jeanette Klemmt als HundeDoc im Einsatz und beobachtet die Situation in Berlin. Ihre Einschätzung: „Es sind weniger Jugendliche mit Tieren auf der Straße und im öffentlichen Raum. Aber es gibt immer mehr ältere Menschen, die geschäftsunfähig werden, aufgrund von Süchten oder Phobien.“ Die tierischen Patienten sind vor allem Hunde und Ratten, aber auch Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen. Jugendliche, die im Betreuten Wohnen leben, haben oft Nager und Katzen.

Das liebe Geld

Im Inneren des Krankenwagens endet die erste Behandlung. Ein 10-Euro-Schein wechselt den Besitzer. Josi verabschiedet sich. Den symbolischen Preis von 5 Euro pro Tier verbucht Klemmt „ohne Buchhalteraufwand“ als Kleinspende. Werden etwa für ein Blutbild größere Summen fällig, bezahlen die Halter den Laborpreis. Und wie steht es allgemein um die Finanzen? Klemmts Blick wandert zum Medikamentenschrank: „Relativ stabil und preisgünstig sind Verbandsmaterialien. Aber die Medikamentenkosten steigen stetig. Etwa 15.000 Euro gebe ich pro Jahr für Medikamente aus.“ In erster Linie für Impfungen, Wurmkuren sowie Präparate gegen Flöhe und Zecken oder Material zur Wundversorgung nach Bissverletzungen. Ein weiterer Geldfresser ist der Krankenwagen.

Finanziert wird HundeDoc durch Kleinspenden sowie die Unterstützung des Europäischen Tier- und Naturschutz e. V. und der Martine & Bertram Pohl Foundation. Für 2018 ist das Budget fast aufgebraucht. Spenden sind wertvoller denn je, jetzt wo das Geld knapper und die Tage kälter werden. Sponsoren zu finden beschreibt Klemmt als „zäh und mühsam“.

Kritische Stimmen

Nicht zuletzt mag das mit der Kritik an dem Projekt zusammenhängen und mit der Frage: Warum müssen solche Leute überhaupt einen Hund oder eine Katze halten? Klemmt wirkt energisch: „Man muss sich immer erklären, teils rechtfertigen für das Projekt. Aber diese Probleme, diese Menschen und Straßentiere, die durchs Raster fallen, sind von Menschenhand kreiert. Hausgemacht.“ HundeDoc möchte Abhilfe schaffen, soziale Arbeit und Tierschutz sollen ineinandergreifen.

Sozialarbeiter und Tierärztin lernen von- und miteinander. Klemmt schult die Streetworker in Fortbildungen und Seminaren im Umgang mit Tieren. Sie erklärt: „Das ist gerade deshalb so wichtig, da ja einige Menschen erst wegen ihrer Tiere in Schwierigkeiten geraten, mit der Polizei zum Beispiel. HundeDoc ist letztlich ein Menschenhilfsprojekt, nicht ein reines Tierschutzprojekt.“ Über die Versorgung der Tiere findet Klemmt Zugang zu den Haltern. So kann sie erziehen, beraten oder auch mal eine Tierpause empfehlen. Sie betont: „Wichtig ist es, die Leute zu animieren, es besser zu machen. Es anders zu machen. Und dafür sind die meisten dankbar. Ein Problem unserer Wohlstandsgesellschaft ist, dass den Leuten nicht aufgezeigt wird, wie sie weitermachen, sondern wie sie hängen bleiben können.“

Skeptischer Blick: Lenny bekommt seine Tollwutimpfung. Beim nächsten Besuch wartet die mobile Zahnstation auf den Rüden und seinen Zahnstein.

Ausnahmen und Erfolgsgeschichten

Die letzte Patientin an diesem Montag ist spät dran. Sie meldet sich mehrmals telefonisch. Klemmt drückt ein Auge zu, erzählt von der jungen Katzenhalterin: Lydia ist 18 und lebt im betreuten Wohnen. „Und sie bemüht sich, sie kümmert sich. Jetzt zu fahren, wäre gemein. Eigentlich warte ich nicht, sondern fahre knallhart los, weil ich manchmal das Gefühl habe, meine Patienten ein bisschen erziehen zu müssen.“ Die Behandlung der Tiere geht mit einer gewissen Selbstüberwachung ihrer Halter einher: Sie müssen sich erinnern, wann es Zeit für die nächste Wurmkur oder Impfung ist. Und sich an Termine halten.

Im besten Fall funktioniert dann auch der Weg zurück. Eine besondere Geschichte hat Wagenbewohner Emu, der am Wagen vorbeischlendert und von seinen Zukunftsplänen erzählt. Kennengelernt hat er die Tierärztin im Jahr 2000 auf dem Alexanderplatz. Damals lebte er mit zwei Hunden auf der Straße. Mittlerweile ist er selbstständiger Veranstaltungskaufmann. Als Klemmt vor zwei Jahren bestohlen wurde und ihren Ärger bei Facebook teilte, rief Emu sie aus dem Ausland an: Der ehemalige Obdachlose hatte ihr spontan ein Ersatz-Tablet mit Gravur bestellt. „Da hatte ich wirklich Pipi in den Augen!“, berichtet Klemmt und lächelt.

In diesem Moment trifft Lydia mit ihrem Kater Spinner ein. Demnächst soll er Freigänger werden. Zuvor steht eine Kastration auf dem Programm. Klemmt erklärt der jungen Halterin den Eingriff und die notwendige Vorbereitung. Sie nickt begeistert, ist bereit, Verantwortung zu übernehmen. So wird ein schwarz-weißer Kater zum Anreiz, weiterzumachen und nicht hängen zu bleiben.

Text: Lisa Freudlsperger | Fotos: Arturo García Romano

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Lisa Freudlsperger

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