Erste Veröffentlichung: 01.08.20
Für Menschen ist die Welt bunt, detailreich und stark visuell geprägt. Für Hunde spielt die Nase zwar eine deutlich größere Rolle als für uns. Trotzdem ist auch die optische Wahrnehmung wichtig – vor allem, wenn es um Bewegung, Orientierung, Körpersprache und Signale von Menschen geht. Finde hier heraus, wie Hunde sehen, welche Farben sie erkennen und was du tun kannst, damit dein Hund dich besser wahrnimmt.
In der Dämmerung sehen Hunde besser als wir
Die Netzhaut im Auge eines Hundes besteht – wie beim Menschen – aus Zapfen und Stäbchen. Allerdings ist das Verhältnis anders: Hunde besitzen mehr Stäbchen. Diese Sinneszellen sind besonders lichtempfindlich und helfen dabei, auch bei wenig Licht noch etwas zu erkennen.
Deshalb können sich viele Hunde in der Dämmerung gut orientieren. Sie sehen bei schwachem Licht oft besser als Menschen. Dafür nehmen sie feine Details und sehr scharfe Konturen weniger gut wahr als wir. Kurz gesagt: Hundeaugen sind nicht auf maximale Bildschärfe spezialisiert, sondern eher auf Orientierung, Bewegung und Sehen bei wenig Licht.
Eingebauter Lichtverstärker im Auge
Zusätzlich hilft Hunden eine reflektierende Schicht im Auge: das Tapetum lucidum. Das bedeutet so viel wie „leuchtender Teppich“. Es liegt hinter der Netzhaut im Bereich der Aderhaut. Diese Schicht wirft einfallendes Licht zurück, sodass es die lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut gewissermaßen ein zweites Mal erreicht. Das verbessert das Sehen bei schlechten Lichtverhältnissen.
Werden Hundeaugen im Dunkeln angestrahlt, kann das Tapetum lucidum grünlich, gelblich oder auch andersfarbig aufleuchten. Nicht alle Hunde haben jedoch ein gleich stark ausgeprägtes Tapetum. Bei manchen ist es teilweise schwächer entwickelt oder fehlt in bestimmten Bereichen. Das kann mit Pigmentierung und individuellen Unterschieden zusammenhängen. Wahrscheinlich sehen solche Hunde bei sehr wenig Licht schlechter als Artgenossen mit stärker ausgeprägtem Tapetum.
Bei Welpen kann der Augenreflex anders wirken als bei erwachsenen Hunden und blau-violett leuchten. Das hängt damit zusammen, dass sich Strukturen und Pigmente im Auge noch entwickeln.
Bewegung fällt Hunden besonders auf
Hunde sind von Natur aus darauf ausgelegt, Objekte auf Wichtigkeit zu selektieren. So können sie ein sich bewegendes Objekt schärfer sehen als ein unbewegtes. Das passt zu ihrer Entwicklungsgeschichte: Für Beutegreifer und soziale Tiere ist es wichtig, Bewegungen in der Umgebung schnell wahrzunehmen – etwa ein weglaufendes Tier, einen Artgenossen oder auch die Körpersprache eines Menschen.
Ein Mensch, der sich bewegt, ist für den Hund daher oft leichter zu erkennen als jemand, der reglos in einiger Entfernung steht. Das kann im Alltag hilfreich sein: Wenn dein Hund dich auf einer Wiese oder im Freilauf schlecht findet, können ein paar deutliche Bewegungen, eine seitliche Körperausrichtung oder ein freundliches Handzeichen besser wirken als starres Stehenbleiben.
Scharf sehen
Menschen besitzen eine sehr kleine Zone des besonders scharfen Sehens (die „Fovea“). Hunde haben stattdessen eine sogenannte Area centralis beziehungsweise – je nach Kopfform – eher einen horizontalen Sehstreifen. Diese Bereiche der Netzhaut helfen ihnen, relevante Dinge im Blickfeld genauer zu erfassen.
Die Kopfform spielt dabei eine Rolle. Hunde mit kurzem, breitem Kopf und eher nach vorn gerichteten Augen haben oft ein stärker überlappendes Blickfeld. Das kann das räumliche Sehen auf kürzere Distanz begünstigen. Hunde mit langem Kopf und seitlicher stehenden Augen haben meist ein größeres seitliches Sichtfeld. Sie können Bewegungen in der Umgebung oft gut wahrnehmen, ohne den Kopf stark drehen zu müssen.
Welche Farben sehen Hunde?
Hunde sehen Farben anders als Menschen. Während wir meist 3 Zapfentypen besitzen, haben Hunde nur 2. „Hunde sehen eher im Blau-Gelb-Bereich“, erklärt die Augen-Expertin und Tierärztin Dr. Ingrid Allgoewer. „Rot- und Grüntöne stellen sich für sie in Graunuancen dar.“ Sie können Rot und Grün also nicht so unterscheiden wie wir. Rot, Orange und Grün erscheinen ihnen eher als gelbliche, bräunliche oder graue Abstufungen und unterscheiden sich oft weniger deutlich vom Hintergrund.
Ein rotes Spielzeug auf grüner Wiese hebt sich also nur für uns Menschen deutlich sichtbar ab. Hunde können aber wohl Gegenstände gut sehen und voneinander unterscheiden, die Blau oder Gelb sind oder einen starken Hell-Dunkel-Kontrast haben.
Das Sichtfeld von Hunden
Wie groß das Sichtfeld eines Hundes ist, hängt stark von Kopfform, Augenstellung und Rasse beziehungsweise Typ ab. Viele Hunde haben ein größeres Gesamtblickfeld als Menschen. Je nach Körperbau kann es ungefähr zwischen 200 und 250 Grad liegen, bei manchen langköpfigen Hunden auch darüber. Zum Vergleich: Das menschliche Sichtfeld liegt grob bei etwa 180 Grad.
Dafür ist der Bereich, in dem beide Augen dasselbe Objekt gleichzeitig erfassen, bei Hunden oft kleiner als beim Menschen. Dieser Bereich ist aber wichtig für räumliches Sehen und Entfernungseinschätzung. Hunde mit eher nach vorn gerichteten Augen haben hier Vorteile, während Hunde mit seitlicher stehenden Augen mehr Umgebung erfassen können.
Kurz- und Weitsichtigkeit
Hunde sehen in der Regel weniger detailreich als Menschen. Oft wird ihre Sehschärfe ungefähr im Bereich von 20/75 angegeben – vereinfacht gesagt: Was ein Mensch aus größerer Entfernung noch scharf erkennt, muss für viele Hunde näher sein, um ähnlich gut erfasst zu werden. Das ist allerdings nur ein Richtwert. Die Sehschärfe kann je nach Hund, Alter, Gesundheit und Untersuchungsmethode abweichen.
Auch Hunde können kurz- oder weitsichtig sein. Viele liegen ungefähr im normalen Bereich, doch Fehlsichtigkeiten kommen vor. Manche Untersuchungen fanden z. B. Hinweise darauf, dass bestimmte Hunde oder Linien häufiger kurzsichtig sein können als andere. Im Alltag fällt das nicht immer sofort auf, weil Hunde Sehschwächen oft mit Geruch, Gehör und Erfahrung ausgleichen.
Dein Hund erkennt dich also nicht nur am Aussehen. Gerade auf Distanz kann es ihm helfen, wenn du dich eindeutig bewegst, ihn ansprichst oder klare Signale gibst. Aufmerksam werden solltest du, wenn dein Hund plötzlich unsicher wirkt, Hindernisse übersieht, Treppen meidet, Gegenstände schlechter findet oder bei Dämmerung deutlich vorsichtiger wird. Solche Veränderungen können viele Ursachen haben und sollten tierärztlich abgeklärt werden.
Bei Augenproblemen schnell zum Tierarzt!
Fällt dir auf, dass sich am Auge deines Hundes etwas verändert oder ihm wehtut, geh mit ihm bitte so bald wie möglich in die Tierarztpraxis. Das gilt besonders bei geröteten Augen, Zusammenkneifen der Lider, starkem Tränenfluss, Ausfluss, Trübung, sichtbaren Verletzungen, plötzlicher Lichtempfindlichkeit oder wenn dein Hund auf einmal gegen Dinge stößt. „Der Zeitfaktor ist für viele Erkrankungen eklatant wichtig“, betont Dr. Allgoewer. Wer abwartet, verliert unter Umständen wertvolle Behandlungszeit.
Wenn ein Hund blind wird
Manchmal verlieren Hunde trotz Behandlung ihr Augenlicht. Das ist für ihre Menschen oft ein Schock. Viele Hunde kommen mit Blindheit jedoch erstaunlich gut zurecht – vor allem, wenn sie in einer vertrauten Umgebung leben und ihre Bezugspersonen ihnen Sicherheit geben. Sie können weiterhin spazieren gehen, spielen, lernen und ein gutes Leben führen. Hilfreich sind feste Routinen, eine möglichst unveränderte Wohnung, klare Ansprache, sichere Wege und Geduld.
