Redaktionsgebell
Da capo al fine
Eins, zwei, drei,
schon wieder eine Woche vorbei.
Vier, fünf, sechs und sieben,
wo sind denn die ganzen Stunden geblieben?
Acht und neun und zehn,
bald werden wir nach Hause gehen.
Elf, zwölf, dreizehn,
am Montag werden wir uns wiedersehen.
Beziehungsweise lesen. Zumindest Ihr uns. Aber das hätte sich ja nicht gereimt.
Foto: Gutmann
30.07.10 Gu
Im Rückwärtsgang
Gestatten: Nirthak Nnamtug, wohnhaft in Nilreb. Besondere Fähigkeiten: rückwärts buchstabieren. War früher jedenfalls mal so. Rückwärts war sozusagen meine erste Fremdsprache – und die beherrschte ich fließend. Heute muss ich oft lange überlegen, bis mir das richtige Rückwärtswort über die Lippen kommt. Und wenn ich’s mir genau überlege, ärgert mich das. Habe ich meine Fährigkeiten schmählich verkümmern lassen? Hätte ich regelmäßig jeden Dienstag von 18 bis 19 Uhr üben sollen? Jährliche, bundesweite Rückwärtsbuchstabierwettbewerbe besuchen müssen? Vielleicht.
Vielen Hunden geht’s im Prinzip doch ähnlich wie mir. Mit einer Wahnsinnsnase zur Welt gekommen, nie trainiert (worden), der Geruchssinn allmählich degeneriert… Aber dennoch schlummern einzigartige Riechfähigkeiten, die hin und wieder spontan und unerwartet zum Einsatz kommen, in ihnen – und zwar auch ohne Training! (Welcher Hund findet nicht das weggeworfene Wurstbrot in der Hecke neben dem Schulhof? Ganz ohne Kenntnisse über Fährtenarbeit, Mantrailing, Schweißarbeit…)
Also liegt’s wohl an meinen Vorfahren. Mein Rückwärtsbuchstabiererbgut scheint nicht das Ebleg vom Ie zu sein. Da hilft wohl nur noch eins: nereiniart, nereiniart, nereiniart!
Foto: dierk schaefer/www.flickr.com
29.07.10 Gu
Sachen gibt’s…
Dass Dinge zwischen Himmel und Erde passieren, die unglaublich sind, die man kaum fassen kann, die einen die Augenbrauen bis zum Haaransatz hochziehen lassen, die aber dennoch existieren – das will ich gar nicht abstreiten. Elfen, die auf Kobolden reiten? Klar. Wieso auch nicht? (Aber können Elfen denn nicht fliegen? Ach, egal jetzt.)
Viel erstaunlicher, faszinierender, unglaublicher ist doch: Es gibt immer jemanden, der’s glaubt! UFOs über Wanne-Eickel? Ein Wildschwein mit 12 Beinen und drei Köpfen in Buxtehude? Katzen, die in Flaschen groß gezogen wurden? Ein Haustier, das nicht haart, nicht riecht, keinen Dreck verursacht, kein Futter benötigt und auch keinen Platz? In Forum XY und am Stammtisch in Sonstwo (gleich neben Irgendwo und Überall) heiß diskutierte Themen.
Eine scheinbar alle paar Jahre vorkommende, von ignoranten Wissenschaftlern jedoch komplett missachtete Tatsache (!): Katzen können Hundewelpen zur Welt bringen. Erst kürzlich wieder passiert – in einem kleinen georgischen Dorf. Glaubt Ihr nicht? Und was, wenn das halbe Dorf live bei der Geburt dabei war? Oder jemanden kennt, der dabei war? Oder jemanden kennt, der jemanden kennt, der …? Nö? Immer noch nicht? Dann ist ja gut.
Foto: Mario Spann/www.flickr.com
28.07.10 Gu
Coole Socke
Jenseits des Weißwurstäquators, von der Hauptstadt aus gesehen weit hinter der icke-/ich-Grenze, wo es so schöne Gepflogenheiten wie die der Kehrwoche gibt, weiß jeder: „’s gibt halt sottige und sottige“ (sprich: solche und solche). Heute soll es an dieser Stelle um sottige gehen, die die Ruhe weg haben, komme, was da wolle.
Aus Mangel an in sich ruhenden Hunden in meiner Nachbarschaft, in der es vor hysterischen Cholerikercaniden nur so zu wimmeln scheint, handelt die Geschichte allerdings von so-called Stubentigern bzw. einem von ihnen. Hunde spielen an dieser Stelle heute ausnahmsweise nur eine Nebenrolle. Sorry dafür.
Auf meinem Weg zur Arbeit begegne ich morgens oft einem älteren schwarzen Kater, der hinter einem Gartentor sitzt. (Entweder ein Frühaufsteher oder ein Spätnachhausekommer. Ich tippe eher auf Letzteres.) Sitzt da und guckt. Nicht interessiert, nicht hellwach, nicht beobachtend – eher müde, gelangweilt oder aber über sein Katzenschicksal sinnierend. Da kann die Müllabfuhr einen Höllenlärm verursachen, die Tonne mit einem lauten Rums direkt vor seinem Tor abstellen – ihm egal. Er guckt nur. Da können die Krähen vor lauter Empörung über seine pure Anwesenheit ausrasten, ihn im Tiefflug attackieren – ihm egal. Er guckt nur. Da kann einer der kiezbekannten vierbeinigen Hysteriker kläffend am Gartentörchen stehen, vor Wut über die Unerreichbarkeit des Katers schäumend – ihm egal. Er guckt nur.
Ihr denkt, vielleicht ist der arme schwarze Kater auch einfach nur blind und taub? Kriegt nichts mit, was um ihn herum passiert, der Katzensenior. Falsch gedacht. Wenn seine Dosenöffnerin die Haustüre öffnet, seine TroFu-Packung schüttelt und „lecker-lecker“ ruft, dann geht alles blitzschnell: zack, rein ins Haus, endlich frühstücken. Und ich stehe da – und gucke nur.
Foto: Fundraisingnetz/www.flickr.com
27.07.10 Gu
Großes Kopfkino
Geht Euch das auch so? Manchmal sitzt man – in der Bahn, im Café, im Wartezimmer – Zeitungslesern gegenüber, hat gerade keine eigene Lektüre parat und versucht, „mitzulesen“. Von der gegenüberliegenden Seite der Bahn, des Tisches oder des Zimmers aus. Per Adlerblick. Was man da erkennen kann? Überschriften. Und dann geht’s los: Film ab im Gedankenkino.
„Im August verlässt Gianna ihren Knut“? Alles klar, da steckt mit Sicherheit dahinter: Unser Berliner Eisbärchen wandelt bald wieder auf Solopfaden, der Arme. „Botschaften aus einem versunkenen Land“? Hm, mal überlegen. Ein Nachfahre eines Überlebenden aus Atlantis ist aufgetaucht und berichtet vom sagenhaft-mythischen Inselreich? Mal eben einen Blick auf den Untertitel erhaschen: „Student Tobias Bank (24) zeigt vergessene DDR-Plakate“. Oh, okay. Knapp daneben.
Das Procedere ist bekannt. Jetzt muss man sich nur mal in jemanden hineinversetzen, der mit Hunden absolut nichts am Hut hat. (Schwierig, ich weiß. Aber es soll solche Leute geben. Hab’ ich mal gehört.) Bereit? Dann lasst die Bilder im Kopf von der Leine: Buhund. Norwegischer Elchhund. Chinesischer Schopfhund. Peruanischer Nackthund. Löwchen. Na? Interessante Vorstellung gehabt? Ein Blick ins Rasselexikon holt Euch zurück in die Realität. Nein, der Norwegische Elchhund trägt kein Geweih. Im Kopfkino aber schon. Oder?
Foto: HamburgerJung/www.flickr.com
26.07.10 Gu
Tapetenwechsel
Hallo, ist da jemand? Oder seid Ihr alle im Urlaub und ohne Laptop unterwegs? Ylva, die im Bild zu sehende zobelfarbene English Cocker-Hündin meiner Schwester, ist gerade für zwei Wochen in der Pfalz. Natürlich mit ihrer ganzen Familie, ist ja klar.
Ich habe kommende Woche frei, aber das Wegfahren entfällt. Almachen, unsere betagte Hovawart-Seniorin, hat „Rücken“. Und sie macht uns unmissverständlich klar, dass sie mit ihrer Spondylose lange Autofahrten gar nicht mehr schätzt.
Einen alten Hund zu haben, das bedeutet vor allem: Rücksichtnahme. Diese gemeinsame Zeit, deren Länge wir nicht kennen, ist so kostbar. Ganz sicher werde ich mich nicht über Almas Bedürfnisse hinwegsetzen und sie trotzdem mit Sack und Pack ins Auto bugsieren. Der Garten hat eine Radikalkur mit der Machete nötig. Da kann sie mit und sich Kuhlen in die kühle Hecke graben, sich ein wenig die Sonne auf den Pelz scheinen lassen – oder einfach wieder ins Haus gehen, wenn ihr danach ist. Irgendwann ist dann auch mal wieder ein Urlaub anderswo angesagt, aber solange Kerls den Weg mit Alma gemeinsam gehen, führt er ganz sicher nicht gegen ihren Willen ins Reisebüro.
Foto: Kerl
23.07.10 Ke
Befehlsverweigerung
Alma ist nun schon 12 Jahre alt. Und seit 12 Jahren zeigt sie mir meine didaktischen Grenzen auf. Sie hat einen Einser-Hochschulabschluss im Erlernen und Vorführen aller möglichen Kunststücke, aber eines kann sie bis heute nicht: auf Kommando bellen. Ein Hovawart ist kein Basenji, der es ja bekanntlich nicht so hat mit dem Lautgeben. Hovawarte sind nicht leise. Aber mein alter Hund bleibt stumm wie ein Fisch. Oh, natürlich kann Alma ihre Stimme erheben. Und die ist kräftig! Geradezu entrüstet klingt Madame, wenn es etwas zu wachen gibt. Aber ohne ausgefülltes Meldeformular kommt kein Ton aus dieser Hundekehle.
Atlanta ist da ganz anders: Ein kurzes Handzeichen (Entenschnabel-Imitation) und schon bellt sie so lange, bis ich das Stoppschild hochhalte. „Alma, nimm dir doch ein Beispiel am Traumhund-Azubi an deiner Seite!“ Aber nichts hilft: kein vorgehaltener Gouda, kein Rinderhack, kein in Aussicht gestelltes Pansen-Abo bei einem BARF-Tiefkühlkost-Versender.
Kürzlich sah ich eine ZDF-Reportage über Kinder super ehrgeiziger Eltern. Ein kleines Mädchen sprach mit drei Jahren fließend vier Sprachen, spielte Geige und musste ihre Rest-Kreativität in einem Malkurs ausleben. Und sah unglücklich aus. Ein Vater sprach mit seinen beiden kleinen Söhnen nur Englisch, um sie optimal zu fördern (wie Alma antworteten sie ihm aber nicht). Im Grunde stand für die Buben im Vorschulalter schon das Studienfach fest. Aber auf Baumstämme klettern? Fehlanzeige.
Seit ich das sah, lasse ich Alma einfach stumm sein. Sie wird ihre Gründe haben. Und steckt bis zum Rand voller anderer Talente. Auch wenn sie in ihrem Repertoire für immer fehlen wird, die Übung „Pelzig unterhält sich“.
Foto: Kerl
22.07.10 Ke
Hundstage
Wie kommt Euer Hund mit der Hitze klar? Schleicht Ihr mit ihm von einem trüben Wasserloch zum nächsten? Verlegt Ihr Eure Spaziergänge in die frühen Morgenstunden? Füllt Ihr dem Hechelnden kiloweise Eiswürfel in Packtaschen? Habt Ihr Eure Teppiche aufgerollt und auf den Dachboden geschleppt, damit sich der Pelzige auf den blanken Fliesen abkühlen kann?
Für viele ist dieses Dauerhoch versuchte Körperverletzung. Wettersensible Zweibeiner haben Mühe, beschwerdefrei durch den Tag zu kommen. Können Hunde auch unter Kopfschmerzen leiden? „Kreislauf“ haben dieser Tage sicher etliche Vierbeiner, vor allem die älteren Semester.
Unsere Hovi-Damen sind erstaunlich hitzefest. Im Bild: Atlanta bei Kaiserwetter, das hier seit gefühlten fünf Monaten herrscht. Gibt es eigentlich auch noch eine andere Himmelsfarbe als Azurblau?
Ich habe noch keine Beschwerden meiner Hunde gehört. Die kühleren Plätze im Haus sind allerdings dauerbelegt: das Bad, die Werkstatt, der Flur mit seinem Linoleum. Thermoregulation nennt man das auf Schlau.
Wir nähern uns den Hundstagen. Aber es gibt Hoffnung für alle Sommergeschädigten: Die Lebkuchenkataloge sind bestimmt schon unterwegs.
Foto: Kerl
21.07.10 Ke
Prima Klima?
Heiß, heißer, ICE, könnte man dieser Tage meinen. Klimaanlagen, die einfach tschüss sagen, wenn es ihnen zu tropisch wird – wären die Folgen nicht so dramatisch für die überhitzten Fahrgäste, besäßen solche Meldungen eine gewisse Komik.
Ausgefallen war die Kühltechnik kürzlich auch ausgerechnet in meinem Lieblings-ICE, den ich oft auf Dienstreisen benutze. Zum Glück saß ich zuletzt bei 25°C Außentemperatur drin.
Noch neulich in DER HUND (Heft Nummer 7) hatten wir uns dem hundegerechten Reisen gewidmet. Die Bahn stand schon in jenem Beitrag nicht auf der Liste der unbedingt empfehlenswerten Hundetransportanbieter. Aber gar nicht auszudenken, mit einem großen Vierbeiner, der im Zug einen Maulkorb tragen muss, auch noch stundenlang in so einem weißen Bratschlauch eingesperrt zu sein!
Pressesprecher der Deutschen Bahn – es gibt bestimmt Jobs, die derzeit mehr Spaß machen...
Foto: Claudia Hautumm/www.pixelio.de
20.07.10 Ke
Kahnamari fritti
Ich habe Entzugserscheinungen. Die WM in Südafrika fehlt mir so. Es gab in der vergangenen Woche nur schwache Trostpflaster für den Fußballfan auf Entzug: die Radel-Tour durch Frankreich, die Fecht-EM in Leipzig, das CHIO der Reiter in Aachen, die Deutschen Leichtathletikmeisterschaften in Braunschweig. Nix mehr mit Tafelberg.
Und ich vermisse Paul. Pa schrieb neulich auch schon über ihn. Nach dem ganze Hype muss sich der glibbrige Weise jetzt ausruhen. Er wird nicht für 30 000 Euro an eine spanische Gemeinde verscherbelt, die vom Tintenfisch-Fang lebt. Paul bleibt im Pott. Der geniale Octopus-Senior hat fast 35 000 Facebook-Fans und soll jetzt einem Kraken-Azubi das Vorhersagen beibringen. Eine neue Frage für Paul II. hätte ich schon im Ärmel: Welcher CDU-Spitzenpolitiker wird als nächster entlaufen?
Ob er denn auch ein wahrsagendes Haustier besäße, fragte Kathrin Müller-Hohenstein ihren ZDF-Co-Kommentator, den Torwartlegenden-Frührentner Olli Kahn: „Mäuse, Meerschweinchen oder so?“ "Ich habe nur einen Hund“, antwortet der blonde Ex-Titan. „Aber der hat keine seherischen Fähigkeiten!“
Ich hätte gerne welche, denn mich interessiert brennend, zu was für einem Hund sich Oliver Kahn hingezogen fühlt. Google versagt mir die Gefolgschaft. Eines steht fest. Das Tier wird nur vier Beine haben. Sein Besitzer wünschte sich im Tor damals bestimmt acht Saugnapf-Arme. Seine Gegner hätten ihn auch so am liebsten frittiert.
Foto: Dieter Schütz/www.pixelio.de
19.07.10 Ke